Heft 
(1993) 2/1993. September 1992
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e.V.

verschwunden. Ein wirres Knäuel nackter Körper, jung und alt, Mütter und Kinder, in makabrer Verzer- rung, nach Atem ringend, während Zykolon B(made in Dessau) ihnen Lungen und Augen verbrennt.

Durch ein Loch in der Tür ein Beob- achter, ein Offizier, vielleicht ein Arzt, jedenfalls so etwas ähnliches wie ein Mensch, beobachtet den Vorgang, wartet, und nach einiger Zeit qualvollen Todeskampfs ist alles vorbei. Alles ist ruhig. Der Aufpasser gibt das Signal zum Offnen der Tür, und dieser Berg Menschenfleisch, zusammengeklebt von Kotze und Scheiße, wird vom jüdischen Son- derkommando zu den Ofen ge- schleppt und zu Asche gemacht, ein- fach zu Asche. Diese vielen poten- tiellen Einsteins und Freuds, Men- delsohns und Heines, Zweigs und Bergsons, Korczaks und Chagalls-

Und die, die auf die eine oder an- dere Art mitgemacht haben, kehren zu ihrer Familie zurück, spielen mit ihren Kindern, wandern in die Berge, hören Beethoven, lesen Goethe, nach dem Krieg nehmen sie ihr Stu- dium an der Unlversitãt auf, werden Arzte und Lehrer und Richter und Geschäftsleute und sterben in ihren eigenen Betten, vielleicht nach Beichte und letzter Olung.

Was noch wichtiger ist- es gibt wieder solche, die nicht von Ab- scheu, Scham und Reue erfüllt, son- dern sogar bereit sind, das Unter- nehmen gutzuheißen und sich damit zu identifizieren. Wie sagt Bertold Brecht:Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.?

Vielleicht ist das zu emotional. Lassen Sie mich in aller Ruhe ein paar Fakten vorlesen, wie das ganz Sachlich in jeder Enzyklopãdie nach- zulesen ist. Außer Auschwitz gab es noch vier andere Vernichtungslager

Belzec, Sobibor, Treblinka, Majda- nek. Von allen war Auschwitz das größte und schlimmste- wenn die Abstufung der Tiefen der Hölle noch einen Sinn hat. Dr. Johann Kremer, SS-Freiwilliger und enthusiastischer Nazi, Leiter der medizinischen Ex- perimente dort, nennt Auschwitz ANUS MUNDI(Arsch der Welt'*). Niemand weiß, wie viele Menschen in Auschwitz verschwunden sind. Die Leute wurden schneller ermor- det, als man die Listen führen konn- te. DieSelektionen?, das heißt wer gleich sterben soll und wer später, wurden sofort bei der Ankunft der Massentransporte an der Rampe durchgeführt. Alle Alten, Schwa- chen und Kranken wurden direkt in die Gaskammern getrieben, ohne daß man sie registriert hat. Während die anderen Vernich- tungslager vorwiegend der Tötung der polnischen Juden dienten, ka- men nach Auschwitz Transporte aus allen Ländern Europas. Der 1. Zug aus Holland kam im Juni 1942. Himmler war anwesend und beob- achtete Selektion und Vergasung. Er war nach Auschwitz gekommen, um ein gutes Beispiel zu geben. Au-

schwitz war nicht nur Vernichtungs- 2

lager für die europãischen Juden, unter den Opfern waren auch polni- sche und russische Kriegsgefangene. Politische Gefangene(mit rotem Dreieck am Arm), religiõse Sektierer (mit lila Punkt), gewöhnliche Krimi- nelle aus Deutschland(grünes Drei- eck), Homosexuelle(rosa Winkel), und Zigeuner(mit dem Buchstaben Z.

Wãhrend die Juden systematisch ermordet wurden, waren die Uberle- benschancen der anderen Gefange- nen ein bißchen größer. Aber nicht viel. Dies als Beispiel Von den 13000 russischen Kriegsgefangenen,

L.