Heft 
(1993) 2/1993. September 1992
Einzelbild herunterladen

Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e.V.

Man hat mich gebeten, ein paar einführende Worte zu dieser Aus- H⸗tellung zu sagen. Ich nehme es auf mich als Ehre und schmerzliche Pflicht zugleich. Ich weiß nicht, war- um man von all den vielen Leuten gerade mich darum gefragt hat. Viel leicht einfach deshalb, weil mir, wie ſedem Juden, das Wort AU- SCFHWITZ in mein Bewußtsein ein- tätowiert ist; auch wenn ich damals nicht dort war, bin ich doch in gewis- sem Sinn einUberlebender?, denn nicht ein Tag, und schlimmer noch: nicht eine Nacht in meinem Leben- und es sind schrecklich viele Nãchte ist seitdem vergangen, ohne daß ich an das, was geschehen ist, den- ken müßte auf diese oder jene Wei- se. Und zufällig gibt es noch einen anderen symbolischen Grund: ein großer Teil meiner Familie kam aus Oswiecim, dem jüdischen Schtetl Oswiecim, das so ganz gegen seinen Willen auf den verfluchten Namen Auschwitz getauft wurde und das posthum zu diesem traurigen Ruhm gelangt ist. Ein große Menge Scharfs lebte und gedieh in Oswiecim- mehr als achtzig- vom 92 jährigen Eliyah, dem Partriarchen der Familie, bis zum vier Jahre alten Szmulik. Sie hatten nicht weit zu gehen

Was kann man sagen angesichts dieser Bilder? Was kann ein Jude 2u einem Deutschen sagen. Fin alter Mann zu jungen Leuten, ein Mensch zu einem anderen Menschen! Wie die richtigen Worte finden- solche Wörter existieren eigentlich nicht

Rede aus Arlaß der Auschwitz-Ausstellung in Gießen(4. März 93)

in meiner Humanität beraubt?

Dr. Rafael Scharf, London

Wie hat das alles angefangen? Stellen Sie sich die Szene vor als wãre sie eine Science-Fiction-Film: Januar 1942, eine Villa in Wannsee in Berlin. Ein paar Bürokraten sitzen bei Kaffee und Cognac und Zigaret- ten und planen folgendes Szenario: Wir werden, so sagen sie, eine ge- wisse Anzahl von Lagern und Gas- kammern in Polen errichten. Darin werden wir alle Juden aus ganz Eu- ropa ohne Ausnahme sammeln(die genannte Zahl ist 11 Millionen), wir werden sie mit Zügen transportie- ren, in Viehwaggons, und wir wer- den sie vergiften in diesen Kam- mern, dicht gepackt, Tag für Teg, und weil wir wissen, daß es sich um einen guten Zweck handelt, arbeiten wir kleißig Tag und Nacht bis kein Jude mehr am Leben ist. Die Leichen werden wir in Spezialöfen verbren- nen und die Asche Tonne für Tonne auf die Felder streuen

Na, was sagen Sie dazul

Sie werden denken, das wird schwierig sein. Man wird einen riesi- gen Verwaltungsapparat dafür brau- chen, Tausende von Leuten müssen mitarbeiten. Seien Sie unbesorgt, man wird ohne Schwierigkeiten ge- nug finden, solche die freiwillig mit- arbeiten und solche, die sich nie viel Gedanken machen, über das, was sie tun, und immer auch solche, die tun, was man befiehlt und sowieso han- delt es sich ja nur um Juden. Dies ist kein imaginãres Szenario geblieben glauben Sie es oder nicht- es ist Realität geworden. Millionen sind