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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
einem sSpaten und viderwi1ligen 6Ge- Standnis der Mitschuld oder Mitver- antwortung nun endlich abschliepen darf, venn man nur einmal inm Jahr oftentlich und feierlich an die un- leugbare Fxistenz dieses Kapitels erinnert. FSs vird an uns allen 11e- gen, eine solche Entwicklung zu ver- hindern, indem„ir uns immer„ieder und ganz personlich dem 9. Novenber und den, v8 voranging und vas fo1g- te, Stellen und deutlich nachen, daß die Vergangenheit eben nicht vergan- Sen Sind wir se1ber
Es gibt viele Gründe, verum Manches am 5. Novemder 1955'misgöckt' isSt. Der verbreitete Versuch, das Unias- bare allein oder doch vor allem mit dem Verstande faßbar zu machen, nuß dei einem derantigen Fneme' fehl- Schlagen. Für Zeitzeugen„ie borene ist Infornation und Visse die Fakten zwar vichtig— letzten Vochen und Monate haben da auch viel Anerkennensvertes gelei- Stet. Vas aber den Bestinformierten nicht erspart werden kann, ist die emotionale Konfrontation nmit den Vorgangen um dieses Datum, das AuS— halten und Sich- berwältigen- Lassen, das Mit-Leiden und das Entsetzen. We jüngeren Generaticon— haben sich, hat man den Eindruck, in diesen Tagen hierauf eingelassen. Und das ist si— cher ein Vorgang un diesen Jahres- tag, über den man froh sein kann.
Die Auseinandersetzung' nit den Ju- denverfolgungen vird oft mit einem allzu schnellen B1ick auf unsere eigene Gegenwart geführt; man leitet aus den Versaumnissen in der Vergan- genhett beispielsweise die Ver- pflichtung dazu ab, der Diskrimi- nierung von Ausländern in unserer GesellSchaft entschieden entgegen- zutreten. Dies ist eine naheliegende und durchaus berechtigte Lehre“ aus der Vergangenheit. Man so11te darber aber nicht vergessen, daß es bei der Austreibung und Vernichtung der Ju- den zwischen 1933 und 1945 auch um etwas ganz Anderes ging als Aus lan- derhaß, Intoleranz und die Diskri- minierung anderer. Danals vurden
Menschen und 6ruppen entfernt', die Uder Jahrhunderte unsere Kachdarn gewesen varen, mit denen enge und lange Bindungen vielfaltiger art bestanden— 1m 6uten vie im Bosen. Die Vernichtung zunindest der deut- Schen Juden var daher auch ein Akt der Selbstverstümmelung. öber dessen tiefere Antriede kann man spekul1e- ren— eine Folge ist jedenfal1s auch, dat uns heute etwas fehlt, und zwar dunch eigene Schuld. VHelleicht 1st SS n i November 1938— nehr als in diesen Vochen geschehen— auch in diesen Sinne zu erfahren, als unseren eige- nen VerlUSt namich nient n Unrecht an anderen, vas sie natür-
11ch auch und in erster Linie aren.
Auf der anderen Seite blieb in den 'oftiziellen' Gedenkfeiern Neitgehend ausgespart, velche politischen Ver- pflichtungen die Freignisse von da- mals für uns heute haben nüssen. Ve- ben dem ehrenden Gedenken an die Op- ter mus es doch vor allem darum ge- hen, Konsequenzen für unser Handeln zu ziehen. Sie sind, jedenfalls im öftentlichen Faum, vielfaltig. Beson- ders vichtig sind aber„ohl zwei 48— pekte, die entscheidend zur Reichs- pogromnacht beigetragen haden: Die menschenverachtende DisSkriminterung von Minderheiten oder Randgruppen (die nach Sartre schon der Beginn des Genozids ist) und die Kigachtung des RechtSStaates. Das sich hieraus Konkrete Verpflichtungen für uns SelbsSt ergeben, darauf ist in den of— fiziellen Reden viel zu venig hinge- en manchem Politiker schwer, überzeu- gend Konsequenzen anzumahnen, gegen die er in der politischen Praxis sel- ber verstoßt. Schlieslich sind auch gewählte Volksvertreter dbeteilig venn heutzutage Minderheiten ins Abseits gestellt oder Recht und 6Ge- set?z für eigene 2wecke misbraucht erden. ES geht nicht darum, unan- gebrachte Vergleiche zu ziehen; aber die Haltungen und FEinstellungen, die einst die Reichspogromnacht ermog- lichten. die Abwehr alles Andersar- tigen und der zynische Ungang nit dem RechtsSStaat sind auch heute ver- breiter— auch unter unseren Foli-


