Heft 
(1987) Nr. 10
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Lagergemeinschaſt Auschitz/Fteundeskteis der Auschwilzere. V.

Hoffmann: Keine Verharmlosung

Kulturdezernent äußert sich zurHistorikerdebatte

Kulturdezernent Hilmar Hoffmann hst die Jüdischen Literatur- und Theaterwo- chen, die am Sonntag beginnen, zum An- laß genommen, um zu der sogenannten Historikerdebatte Stellung zu nehmen. Man könne sechs Millionen ermordete Juden nicht mit den Opfern anderer Dik- taturen verrechnen, sagte Hoffmann und warnte vor allenwissenschaftlich noch so schmackhaft servierten Verharmlo- sungstendenzen.

Längst sei die Debatte der Historiker über die Vergleichbarkeit deutscher NSVerbrechen mit den Greueltaten an- derer Völker zu einer Auseinanderset- zung um das Selbstverständnis dieser Republik geworden. Die Verharmlosung von Hitlers Völkermord entspreche offen- sichtlich einem breiteren Verlangen als bisher angenommen wurde. Wer sich nur mit Glanz, Größe und Gloria der deut- schen Geschichte identifizieren wolle, mache aus ihr einenᷓMärchenwald des deutschen Gemüts, sagte Hoffmann.

Er jedenfalls habe nichtdas dringende Bedürfnis nach Normalität. Er teile nicht die Ansicht, das deutsche Volk möchte ein Volk wie jedes andere sein,

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nicht immer in Sack und Asche gehen, nicht dauernd für die Schrecken des Ho- locaust haftbar gemacht werden. Gerade in den dunklen Etappen der deutschen Geschichte liege eine einzigartige Chan- ce, meinte Hoffmann:Weil wir aus leid- voller Erfahrung und schuldvoller Ge- schichte im Konzert der Völker Problem

anders empfinden und artikulieren kön nen als andere Nationen, könnten wir heute besondere Akzente setzen.

Dies habe nichts mit einem neuen deutschen Sendungsbewußtsein zu tun, wenn diese Grundsätze in der eigenen Politik gelebt und praktiziert würden, be- tonte Hoffmann.

Auch der Kulturreferent der Jüdischen Semeinde zeigte sichbeunruhigt über Außerungen von Politikern, das deutsche Volk solle aus dem Schatten der Vergan- genheit treten. Das Streben nach natio- naler Identität dürfe nicht zu einem ge- schichtslosen Nationalismus führen, sag- te Friedmann und zitierte den ehemali- gen Frankfurter Oberbürgermeister Wal- ter Wallmann: Man könne nicht auf Goethe stolz sein, wenn man sich für Hit- ler nicht schämt. ft

Verfahren wegenJude ärgere dich nicht-Spiel eingestellt

pid GOTTINGEN/DARMSTADT, 27. November Weil die anonymen Neonazis. die im Frühjahr Kopien des berüchtigten Brettspiels Jude ärgere dich nicht an mindestens 70 Schülerzeitungen im gan- zen Bundesgebiet verschickt hatten, na- mentlich nicht zu ermitteln sind, hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt jetzt ihr zentrales Ermittlungsverfahren gegen die unbekannten Hersteller und Vertreiber des Spieles eingestellt. Die Darmstädter Behörde war bundesweit für die Ermitt- lungen zuständig, weil die Neonazis ihre Briefe mit dem KZ-Spiel von Darmstadt aus verschickt hatten.

Bei Jude ärgere dſch nſcht geht 6

darum, Spielfiguren aus sechs verschie⸗ denenKonzentrationslagern in eine zentraleGaskammer zu ziehen. Die im Frühjahr verschickten Exemplare trugen den HerstelleraufdruckNSDAP/AO mit einer Postfachanschrift in den USA. Wie ein Justizsprecher auf Anfrage der R mitteilte, sei es nicht möglich gewesen, dem angegebenen Hersteller in den USA nachzuforschen, weil dafür ein langwieri- ges Rechtshilfe-Ersuchen nötig gewesen wäre, das innerhalb der Verjährungsfrist keinen Erfolg gebracht hätte.

28.411. Frankfurter Rundschau