30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
wie die Bodners, da Maurycy Bodner, der ihn wie einen Sohn behandelte, mehrere Lagerüberlebende bei sich aufgenommen hatte(eine Hilfelei- Stung, die Wolnerman in Oswiecim nach eigener Darstellung auch ange- boten haben soll). Zum Zeitpunkt des Verschwindens des Manuskripts lebte Frisch jedoch in Krakau, was eine Ana- lyse seiner Korrespondenz belegen konnte. Da Frisch mit den Wolnermans befreundet war und sich am selben Tag wie Jetti Wolnerman am 22.10.1945 in Lauf als DP registrieren ließ, erscheint die Verbindung verdãchtig. Als angeb- licher Mitwisser des Verstecks musste er per se in Verdacht geraten. Er könn- te aber auch nur als Sündenbock gedient haben, entweder weil Lola Bodner möglicherweise das Versteck Sselber verraten hatte(Lola und Chaim müssen sich bereits länger gekannt ha- ben, im Ghetto Sosnowitz waren sie Nachbarn und nach ihrer Rückkehr nach Oswiecim lebten sie zuerst in der- Selben Straße, nur drei Häuser vonein- ander entfernt), oder weil das Versteck vom wahren Täter leicht gefunden werden konnte.
Die widersprüchlichen Darstellun- gen erschweren eine Rekonstruktion der Freignisse. Die seinerzeit beteilig- ten Akteure und Zeugen können we- der befragt werden noch sich verteidi- gen: Frisch verunglückte 1962 in Israel mit seinem Lieferwagen tõödlich, Wol- nerman starb an seinem 65. Geburtstag und kur?z nach der Veröffentlichung von Gradowskis Manuskript in Jerusa- lem. Maurycy Bodner starb fünf Jahre später im Jahre 1983, ohne von Wol- nermans Publikation erfahren zu ha- ben, die in einer limitierten Auflage von 300 Fxemplaren gedruckt worden und nur wenigen bekannt war.
Ein Rekonstruktionsversuch zeigt, dass den unterschiedlichen Parstellun- gen und Besit?ansprüchen möglicher- weise ein Interessenskonflikt Zugrunde lag:
Maurycy Bodner scheint der tatsäãchliche Käufer und rechtmäßige Besit?er des Manuskripts gewesen zu Sein. In der Stadt Oswiecim war er in der Nachkriegszeit als Vorsitzender des Jüdischen Komitees von Oswiecim der erste weltliche Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft(April 1945 bis April 1946), sein Freund und Mit- bewohner Ignacy Lerner war Sekretär des Komitees, Samuel Natowicz war Bodners Stellvertreter. Das Jüdische Komitee war eine Zweigstelle des Zen- tralkomitees der Juden in Polen(144 1950) und lokale politische Vertretung der polnischen Juden, der Vertreter verschiedener politischer Parteien an- gchörten.
Chaim Wolnerman hingegen war Repräsentant der religiösen Seite. Er war Enkel des in Oswiecim als religiq- ser Führer und Talmudgelehrter ver- ehrten Rabbis Chaim Zvi Kuperman, der vierzig Jahre lang als religiõse In- Stanz wirkte und zudem als besonders rechtschaffener und frommer chassidi- Scher Jude die Ehrenbezeichnung Zad- dik verlicehen bekam. Chaims Vater, Rabbiner Vosef Simcha Wolnerman, war zudem ein anerkanntes Mitglied der Chewra Kadischa(Beerdigungs- bruderschaft) von Oswiecim und habe sich nicht nur um die Toten, sondern auch um die Kranken gekümmert. Die Prrichtung jüdischer Gemeinden in ihrer Vorkriegsform war von der pol- nischen Regierung nicht erwünscht: erlaubt wurden lediglich jũdische Reli- gionsgemeinschaften. In Oswiecim fanden die ersten Wahlen zur Grün-


