Heft 
(2023) 2/2023. Dezember 2023
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31

dung einer jüdischen ½ Religionsgemein- E schaft im Mai 1945 Statt. Chaim Wolner- man wurde als Vorsit- zender des Vorstands, Samuel Natowicz als Sein Stellvertreter ge- wählt. Anfang August 1945 bestätigte das Bezirksamt in Biels- ko-Biala den Vor- stand(Im Oktober 1945 wurde er von Leon Schönker ab- gelöst. Maurycy Bod- ner wurde dessen Stellvertreter). Chaim Wolnerman wurde bis zur Ernennung eines Rabbiners die Verantwortung für jũdische Aufzeich- nungen übertragen.

In diesem Zusammenhang und we- gen Wolnermans hervorragender Jid- disch-Kenntnisse konsultierte Bodner offenbar Wolnerman und zeigte ihm Seinen Erwerb der bedeutenden Schrift Gradowskis. Gemeinsam begannen sie, den Fund zu entziffern, und versuchten, den Namen des Verfassers herauszufin- den. Wer den Namen Gradowskis letzt- lich identifiziert hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, es liegt jedoch na- he, dass beide mit der Entzifferung der Schrift im September 1945 begonnen hatten und ihnen vermutlich gemein- schaftlich die Identifizierung gelang. Möglicherweise traten hierbei die er- Sten Konflikte auf bezüglich des Inhalts, der Bedeutung oder des Umgangs mit dem historischen und literarischen Er- be von Gradowskis Schrift. Der Wech- Sel der Besitzer dürfte jedenfalls einen tieferen, vermutlich religiösen oder ideologischen Grund gehabt haben.

Schauplat? der ersten Entzifferung von Gradowskis 2. Manuskript im September 1945. O A. Kilian 2020

Wolnermans Funktion, sein fami- liärer Hintergrund und sein persönli- ches Interesse an der Schrift scheinen offenbar ausschlaggebend für seine Besit?ansprüche und für seine Rolle als Ubermittler von Gradowskis Iext gewesen zu sein. Formal gesehen wäre er seitens der jüdischen Religionsge- meinschaft in Oswiecim für die Hand- Schrift zuständig und verantwortlich gewesen. Bodner hat das bedeutende Zeugnis als Käufer jedoch nicht aus den Händen gegeben, was die Verwah- rung in einem Versteck in seiner Woh- nung nahe legt.

In Lola Bodners Memoiren(S. 73) wird erwähnt, dass ihr Mann von pol- nischen Fivilarbeitern angekaufte Wertsachen jüdischer Häftlinge(ge- nau genommen die Habe von Ermor- deten und Schmuggelware) als Ver- kaufsvermittler an polnische Händler in Krakau weitergegeben habe. Mls Vertrauensmann wäre er für christ liche Polen ein geschät?zter Geschäfts- partner gewesen, weshalb ihm offen-