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DIE TIEFEREN GRÜNDE
In England ist eine Diskussion um fünf Leute entstanden, die ins Ausland reisen wollten und daran gehindert wurden. Es handelt sich um Personen, die während des Krieges interniert werden muß- ten, weil ihr Verhalten sogar mit dem ungewöhnlichen Maße von Freiheit nicht vereinbar war, das der englische Staat auch in so gefährlichen Zeiten seinen Bürgern zu gewähren pflegt. Zwischen einem Staate, der glaubt, sich einzig dann behaupten zu können, wenn er seinen Bewohnern ihre Meinungsäußerungen vorschreibt, und einem Staate, der seine Sache zum Siege führt, nicht obwohl, sondern weil er die Stärkeskala der öffentlichen Kritik nur wider- strebend und geringfügig einengt, bestehen tiefere Unterschiede der Moral, als es die sichtbaren politischen Unterschiede zu ver- muten geben. Totalitären Staaten eignet die Auffassung, daß man auf dieser Welt alles Unwillkommene durch„Maßnahmen“ ver- hindern könne— wie sie auch, auf der anderen Seite, überzeugt sind, die Erde lasse sich durch Ausrottung aller Andersdenkenden so verwandeln, daß es ganz allgemein eine Lust zu leben sei. Demo- krätische Staaten glauben weder an das Paradies auf Erden noch an die Möglichkeit, all und jedem Uebel vorzubeugen. Sie sind sich der Relativität der Dinge bewußt und tun in diesem Rahmen das Notwendige. Wer von vornherein zugesteht, daß er nicht un- fehlbar ist und sich sowohl im Zeitpunkte wie auch in der Wahl der Mittel vergreifen kann, wird, falls derartiges tatsächlich ein- tritt, nicht befremdet sein, wenn man ihm öffentlich sagt, was er im Grunde sich selber sagen muß. Die Festigkeit des Staatsgebäudes leidet darunter nicht, im Gegenteil offenbart die Einschüchterung kritischer Betrachter einen in den Verhältnissen wohlbegründeten Mangel an Vertrauen zu der Festigkeit des Staates. Ein angesehenes englisches Blatt hat das in dem eingangs erwähnten Falle so for- muliert:„Wenn diese Leute ein Geset unseres Landes verlegt haben, müssen sie in einem öffentlichen Gerichtsverfahren ab- geurteilt werden. Haben sie das aber nicht getan, dann ist es durch nichts gerechtfertigt, sie nicht reisen zu lassen, wohin sie wollen. In Friedenszeiten gibt es keine Beschränkung persönlicher Frei- heit. Es ist besser, ein paar Leute stiften unter Mißbrauch ihrer Freiheit Unfug, als daß die ganze Nation in Gefahr steht, eines ihrer Grundrechte beraubt zu werden.“ Es war ein liberales Blatt, das diese Worte schrieb, zu denen es infolge seiner Tradition vor allen anderen verpflichtet war. Aber man darf sicher sein, daß keine konservative und keine Arbeiterzeitung, daß kein Landlord und kein Bergmann in Großbritannien anders denkt, nicht einmal
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