166 Gefährliche Parallelen
spricht das Weltgewissen“, und daß zugleich, was irgend sich an innerem und äußerem Reichtum dafür mobilisieren ließe, benugt würde, um in Millionen Exemplaren eine Zeitung zu verbreiten, die ihrem Titel„.Das Weltgewissen‘‘ gemäß unbestechlich und un- beirrbar die Achtung der Wahrheit und des Anspruches der Mensch- lichkeit auch im Politischen lehrte, nicht abstrakt, sondern an den praktischen Beispielen des Tages— es wäre der Anfang einer neuen Aera, wie sie kein Kant und kein Hegel, kein Ludolf Camp- hausen und kein Karl Marx hat bringen können. Heute eine Utopie, könnte es morgen schon die überholte Vorstufe zu dem Werke einer größeren Gemeinschaft sein. Man ist versucht, diesem Jahrhundert, wie Carlos bei Goethe dem Clavigo, zuzurufen:„Weh dir, daß du eine Bahn betreten hast, die du nicht endigen wirst!“ Aber jeder weiß, daß sie beendet werden muß, und daß die gegenwärtigen Anstrengungen gerade darum so mühselig sind, weil alle unter dem Eindruck einer Torschlußpanik stehen. Alle wollen sich beteiligen, das Schiff in den Hafen zu steuern, aber die See, auf der es geschehen muß, ist noch ungeheuer bewegt. Neue internationale Verpflichtungen herzustellen, ist keine Kleinigkeit, nachdem es so leicht geworden war, internationale Verpflichtungen zu verletzen.„‚Nach sechs langen Jahren eines er- schöpfenden Krieges“, sagte Byrnes(und er hätte statt der Zahl sechs auch eine viel höhere nennen können),„fällt es natürlich jeder Nation schwer, sich vorzustellen, daß nicht ihre eigenen Ideen bei der Friedensregelung überwiegen sollten.“ In diesen Worten ist umrissen, was die ganz besondere Schwierigkeit der nächsten Mo- nate, vielleicht Jahre, ist. Als es noch möglich war, einen Frieden unter dem Gesichtspunkte zu schließen, daß einer dem anderen etwas wegnahm, schien das Geschäft verhältnismäßig leicht, denn es war ein Geschäft. Danach kam die Uebergangszeit, in der man sich schämte, so mir nichts, dir nichts etwas wegzunehmen, und man infolgedessen Begründungen suchen mußte, die zwar nie stichhaltig waren, aber es zu sein vorgaben. Die dritte Phase, wenn man so will, war die von Versailles, wo unter dem Drucke der gegen reine Machtpolitik rebellierenden Oeffentlichkeit und in Nachwirkung der Devise, unter welcher der Krieg geführt worden war, Grenz- ziehung und Menschheitsethos miteinander vereinbart werden soll- ten. Auch heute ist das bis zu einem gewissen Grade noch der Fall. Aber außerdem sind wir von einer völlig neuen Erleuchtung über- wältigt: alle diese historischen Stadien, die untereinander troß aller Mißgriffe und Mißbräuche Fortschritte darstellen, sind ja einem “viel größeren Entwicklungsgedauken untertan— dem, daß kein Staat mehr imstande sein soll, einem anderen seinen Willen auf- zuzwingen; daß die Rechte der Staaten keine umfassendere Sou-
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