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Vom künftigen Deutschland : Aufsätze zur Zeitgeschichte / Erik Reger
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12 Deutsche Tragödie

Schranken der Sittlichkeit und der christlich-religiösen Bindung einmal gefallen sind, eben nur ein Schritt, der im Zeitmaß der Geschichte gerade vierzig Jahre benötigte. Die Schuld am Kriege und die Schuld am Nationalsozialismus sind zwei Dinge und doch eines. Gewiß zogen die meisten der Deutschen, die im August 1939 nächtens durch Gestellungsbefehle aus dem Bett geholt wurden, nicht deshalb in den Krieg, weil sie gerade nichts Besseres oder für sie Wichtigeres vorhatten. Gewiß hörten zwischen September 1938 und September 1939, in diesem Jahre der kriegstreibenden.dynamischen Exzesse, die Mengen auf den Straßen ihrem‚fanaddisch durch die Lautsprecher plärrenden‚Führer eher aus Besorgnis als zur Belustigung zu. Doch darauf kommt es nicht im geringsten an. Das Moralische versteht sich entweder von selbst oder gar nicht. Nachdem Hitler in München die Sudetenkrise siegreich beendet hatte, schmunzelte das Volk:Hat unser Adolf das nicht wieder fein gemacht? und wo noch ein Empfinden dafür war, daß er es von Rechtes wegen weder fein noch unfein, sondern überhaupt nicht hätte machen dürfen, wagte es sich nicht mehr hervor. Der Glaube, dieser Mann könne sich alles erlauben, weil ihm alles gelinge, ohne daß je die Waffen mehr als rhetorisch klirren müßten, befestigte sich von Krise zu Krise so sehr, daß sogar Leute mit ausgesprochener Abneigung ihn(nach der Reklame für ein Hühneraugenmittel) tauften. Als dann endlich

scherzhaft anerkennendDr. Unblutig doch geschossen wurde, blieb es zwar dabei, daß niemand so richtig

kriegsbegeistert war. Aber als die märchenhaften Erfolge kamen

und das anfängliche furchtsame Schielen auf die Erfahrungen von 1914 nicht gerechtfertigt zu werden schien, da stieg die Bedenken- losigkeit.

Goethe hat gesagt, er wisse kein Verbrechen, dessen er sich, den selbstauferlegten Zwang der ethischen Gesege und den der staat- lichen Vorschriften einmal beiseitegeset, nicht fähig fühle. Zu den Verbrechen zählt, im Politischen jedenfalls, auch die blinde An- betung des Erfolges. Jahrzehnte demokratischer Erprobung allein sind imstande, ein Gegengewicht zu schaffen öffentliche Kon- trolle, gesundes Mißtrauen, Förderung der freien Kritik, ständige Wachsamkeit; alles Dinge, die in Deutschland niemals oder nur unvollkommen wirksam wurden. Der Arbeitslose im Ruhrgebiet, der 1930 anscheinend naiv sagte, er wolle lieber Soldat werden als von Unterstügung leben, möglichst ohne Krieg natürlich, ist nicht unschuldig, denn er begriff nicht, daß zwischen dem, was er war, und dem, was er wünschte, kein sittlicher Rangunterschied ist. Sobald Deutschland Soldaten hat, gibt es eben Krieg. Während im Innersten demokratische Staaten ihre Bürger nur im Notfalle,