Druckschrift 
Vom künftigen Deutschland : Aufsätze zur Zeitgeschichte / Erik Reger
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen

9

den, es gibt nur ein einziges Wort dafür:Daß wir hier darben, verdanken wir dem Führer. Man wird nicht satt davon, aber es erleichtert. Es ist ein Teil der geistigen Reparation. Als Goebbels sagte:Wir müssen siegen oder untergehen, wurde es von unserem Volke mit der verwünschten dumpfen Gelassenheit hin- genommen, die an vielem ebenso schuldig wurde wie aktive Bei- hilfe. Wir haben im Sinne des falschen Propheten Goebbels nicht gesiegt und sind trogdem nicht untergegangen. Heute aber müssen wir, um nicht auf andere Weise unterzugehen, in einem anderen Sinne siegen nämlich über uns selbst; über alle Anwandlungen von Verzweiflung, über alle Rückfälle in Hochmut. Der National- sozialismus dauerte zwölf Jahre und drei Monate. Der Krieg währte sechzig Monate und zweihundertfünfzig Tage. Seit dem Ende aller Greuel in Europa sind vierhundertsechzig Tage verflossen, das ist der zehnte Teil der Hitlerzeit und der vierte Teil der Kriegszeit. Nun schon die Beseitigung der schlimmen Folgen bis zur Wieder- herstellung eines normalen Lebens erwarten, heißt in der Ein- sichtslosigkeit, der Ueberheblichkeit und Unmäßigkeit, kurzum in all den schlechten Charaktereigenschaften verharren, die den Nationalsozialismus ermöglicht und getragen haben.

Erinnern wir uns, wenn wir jett ungeduldig werden wollen, an die Geduld, die wir mit Hitler gehabt haben. Jedes Stück dieser unangebrachten Geduld kehrt sich verhundertfacht gegen uns sel- ber. Andererseits haben die teuflischen Kräfte, die die Welt zu- grunde richten wollten, statt der beabsichtigten tausend Jahre nur zwölf Jahre regiert, das ist der dreiundachtzigste Teil. Zwar ist rascher zerstört als gebaut. aber wenn alle guten und menschlichen Kräfte der Welt sich verbinden und wir zu ihnen stoßen, ergibt sich vielleicht ein Verhältnis von eins zu zwanzig. Wenn also nicht der achtzigste, so wird dann vielleicht der vierte Teil der bar- barischen zwölf Jahre ausreichen, um Luft zum Atmen zu schaffen. Daß wir ruhig schlafen können und keine Bomben mehr fallen, gehört zu den Lichtblicken, deren Wert wir nur ermessen können, wenn wir sehr intensiv an die Tage und Nächte zurückdenken, in denen uns unaufhörlich die Alarmsirenen verfolgten, an die zit- ternden, eilenden Menschenströme, die mit Koffern, Körben und Kinderwagen gespenstisch durch die Straßen der Städte wankten, um einen vermeintlich schügenden Bunker zu erreichen.

Die Rückkehr zum Frieden ist in unserer empfindlich verzahnten Welt nicht mehr so einfach wie ehemals, als die Kriege mit Arke- busen und Feldschlangen geführt wurden und mit dem letten Schusse endigten. Die modernen Kriege führen ein latentes Dasein

_ weiter, bis ihre wirtschaftlichen Wirkungen einigermaßen paraly-

siert sind und in allen Ländern die Planwirtschaft gelockert, die