DIE ENDLOSUNG VORBEREITUNG UND BEGINN DER ENDLOSUNG
Worten: einer von sechzehn konnte es sich erlauben, sich von der Gestapo loszukaufen*. Hitler mag von diesen Dingen nichts ge- wußt oder er mag sie stillschweigend geduldet haben, aber solche Zweifel bestehen bezüglich Himmlers und Heydrichs nicht, Der erstere, der während der ersten zwei Kriegsjahre die jüdische Aus- wanderung als eine Einnahmequelle für die SS betrachtete, machte wiederholt Versuche, Menschenhandel im großen zu betreiben, Jahre, nachdem Hitler die Endlösung angeordnet hatte. Die Hal- tung Heydrichs ist schwerer zu verstehen. Als er im Sommer 1941 mit dem Programm der erbarmungslosen Deportationen betraut wurde, führte er diese Aufgabe ohne Zögern und ohne das ge- ringste Mitleid durch, aber er scheint in keinem Zeitpunkt die Aus- wanderung der Juden zwecks Zurückhaltung für spätere Ausrot- tung behindert zu haben.
Die Tat Herschel Grynszpans, die ihren Zweck als Vorwand für die Strafmaßnahmen des November 1938 erfüllt hatte, nahm nach Ausbruch des Krieges eine neue Bedeutung an. Grynszpan war dann nicht nur der jüdische Verschwörer, der Hitler in einen Kon- flikt mit Frankreich verwickeln wollte, er war das lebende Symbol des internationalen Juden, der den Krieg angezettelt hatte. Am 20. September 1939 veröffentlichte Goebbels eine Broschüre, die den Titel führte„Anschlag gegen den Frieden. Ein Gelbbuch über Grünspan und seine Helfershelfer”, Verfasser war Wolfgang Dier- wege, ein Beamter seines Ministeriums. Aber von da an scheint das Hitlerregime die Möglichkeiten der Grynszpan-Legende merk- würdig vernachlässigt zu haben; auch nach dem Zusammenbruch Frankreichs im Juni 1940, als Grynszpan in deutsche Hände fiel. Erst als man im Dezember 1941 die Juden des Reiches in das Massenmorden einbezog, hat man es zunächst für zweckmäßig erachtet, einen öffentlichen Schauprozeß zu inszenieren. Dier- wege, der von Goebbels nach Paris geschickt worden war, um Zeugen zu finden, hatte eine Unterredung mit Georges Bonnet, dem Außenminister der Zeit von München. Dierwege zufolge war
* Die Statistik der offiziellen„Reichsvereinigung” für das Altreich weist 215 000 lebende Juden für September 1939 und 163 696 für den 1. Oktober 1941 aus, als das Verbot einer weiteren Auswanderung verlautbart wurde. Von dem Abgang von 51 000 Juden kann man 6500 auf das Konto der Deportationen nach Südfrankreich im Oktober 1940 und 1400 auf das der Deportation von Stettin nach Polen im Februar 1940 rechnen. Ein viel stärkerer Abgang ist in diesen zwei Jahren dem wachsenden Überschuß, der Todesfälle über die Geburtsfälle zuzuschreiben, den in Himmlers Statistik Dr. Korherr mit 85 per Tausend# für 1942 annimmt(siehe Anhang|)
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