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Die Endlösung : Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939 - 1945 / Gerald Reitlinger ; ins Deutsche übertragen von J. W. Brügel
Entstehung
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XII
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Menschen an einem anderen geht. Welche Vokabel aber soll der Mensch anwenden, wenn es um den bestialischen Mord an Millionen geht? Wie soll er ein Schicksal wägen, dessen Sum- mierung das Gegenständliche schon ins Abstrakte, das Indivi- duelle in die Arithmetik zu verweisen scheint?

Niemand unter allen Zeitgenossen hat das Maß, Leid und Schuld zu messen, die mit der sogenannten Endlösung der Juden- frage verbunden sind. Und niemand kann ein Maß der Sühne für diejenigen setzen, die maßlos Verbrechen auf sich häuften. Niemand kann jewiedergutmachen und niemand kann je ver- gessen machen, was geschehen ist. Es ist in einem tragischen SinneGeschichte geworden, ein überindividuelles, die Gesell- schaft angehendes Faktum und das heißt: es ist in erster Linie ein Komplex, mit dem sich das deutsche Volk zu befassen hätte. Das deutsche Volk aber das ist die Summe der Indivi- duen, die es in ihrer Gesamtheit ausmachen.

So sehr also diese Begebnisse auch das Maß des einzelnen übertreffen, so unausweichlich kehren sie doch immer wieder zum einzelnen zurück. Eine Regierung, ein Parlament mögen stellvertretend fürdas Volk sprechen oder handeln in mora- lischen Bereichen entscheidet der einzelne für sich selbst. Und wenn ihn das auch von der Schuld, die Regierende auf sich häufen, entbinden könnte es belastet ihn mit der Verantwor- tung, die der Mensch für sich und seinen Nächsten trägt, wenn er im Besitze seiner Handlungsfreiheit ist.

Wenn wir unterstellen, daß zwar viele Deutsche einem anti- semitischen Ressentiment, das ihnen sozusagen behördlich ver- schrieben wurde, erlegen waren, aber die meisten von diesen die praktischen Folgen dieses Ressentiments nicht billigen, so bestätigt das Verhalten der meisten Deutschen nach dem Kriege den Widerspruch, der hier obwaltet: Dem Ausweichen vor dem Zu-Ende-Denken der Dinge, als sie sich anbahnten, entspricht bei sehr vielen zumindest das Ausweichen vor dem Zurück- Denken. Jedermann versichert, daß eranständig sei, aber nie- mand gesteht gern ein,unlogisch gewesen zu sein oder ge- handelt zu haben. Und so ist denn, wenn wir ohne Schönfärberei und opportunistische Rücksichten dem Sachverhalt ins Auge sehen, das schreckliche Geschehen der Lager, Exekutionen, Gas- wagen und Verbrennungsöfen ein Tabu geworden: Weil man

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