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Jahre unseres Lebens : [Deutsche Schicksalsbilder] / Hilmar Pabel ; Textredaktion von Willi Steinborn
Entstehung
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Die modernen Kriege machen viele Menschen unglück- lich, solange sie dauern, und niemanden glücklich, wenn sie vorüber sind. GOETHE

HABEN WIR DAS WIRKLICH ERLEBT? wird sich mancher bestürzt fragen, wenn er in diesen Bildern blättert. Das Vergangene versinkt schnell, so scheint es. Wie flüchtig und ungenau wir uns aber seiner erinnern mögen, deswegen wird es nicht um so gewisser Ver- gangenheit. Vielmehr besteht die Gefahr, daß, was wir hinter uns zu haben glauben, plötzlich als zukünftiges Schicksal uns entgegenkommt, gerade, wenn wir nicht geneigt sind, uns zu erinnern. Wer vor der Geschichte die Augen am festesten schließt, der wird am gewissesten ihr nächstes Opfer eben jener alten, abgestandenen, kraftlosen und doch mechanisch in sich weiterkreiselnden, gewalttätigen, schrecklichen Geschichte. Soll die bisherige Geschichte nicht immer wieder unser Los sein, soll das Geschehene keine neue Drohung werden, soll das Vergangene wirklich vergangen sein, dann hilft wahrscheinlich nur, daß wir das Vergangene ständig vergegenwärtigen, daß wir uns die Bilder unserer Erlebnisse vor Augen halten, daß wir bei Büchern wie diesem verweilen. Allein das helle Bewußtsein unsrer dunklen Herkunft kann auf unsre dunkle Zukunft einen lichten Schein werfen.

Diese Bilder aus den letzten 15 Jahren sind Dokumente Dokumente eines Herzens. Hilmar Pabel ist Kameramann. Er steht an der Front der Zeit. Unablässig beobachtet sein Auge, was um ihn vor sich geht. Er ist ein genauer, aber dennoch kein objektiver Beob- achter. Andere bedienen den Auslöser mit dem Zeigefinger, Pabel mit dem Herzen. Und dieses Herz ist brennend und vor allem anderen am menschlichen Ereignis beteiligt. Das Geschehnis an sich interessiert ihn nur am Rande. Auch wenn auf seinen Bildern kein Mensch zu sehen ist, sie drücken eine menschliche Situation, die nicht einen einzelnen per- sönlich, sondern alle betrifft, erregend oder beklemmend vollkommen aus. Liebende und sorgende Teilnahme, das charakterisiert sein innerstes Wesen vielleicht am besten. Pabel hat die Welt gesehen. Die gegenteilige Feststellung zu treffen, wäre jedoch genau so richtig. Denn was er mit seinem Blick durchdrungen, was er erkannt, was ihn wirklich angesprochen hat, das war hier wie dort wie überall nur eines: der anonyme Mensch, der kleine Mann, seine Hilflosigkeit, seine Leiden, sein Ausgeliefertsein an die Geschichte, von der Pabel glaubt, sie sei eine Chronik der unmenschlichen Versuchungen ihrer Reprä- sentanten. Deshalb ist ihm alles Repräsentative tief verdächtig, nicht würdig, daß man