Druckschrift 
Jahre unseres Lebens : [Deutsche Schicksalsbilder] / Hilmar Pabel ; Textredaktion von Willi Steinborn
Entstehung
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sich ein Bild davon bewahrt. Pabel hält den Verantwortlichen an den Katastrophen unserer Geschichte statt ihres Porträts einen Spiegel vor, in dem nicht sie selbst sich spiegeln, sondern ihre Taten und Unterlassungen, alles, was sie dadurch angerichtet haben, daß sie sich als Funktionäre eines Prinzips betrachteten, anstatt Anwälte der namenlosen Herzen zu sein. Das Porträt eines Prinzips könnte dem, der es verkörpert, schmeicheln, gerade wenn es andere entsetzlich finden. Die Röntgenaufnahme eines gequälten Herzens läßt kein Vielerlei von Deutungen zu. Im Anblick solcher Aufnahmen bleibt nichts übrig, als sich der Wahrheit zu stellen. Und die Wahrheit dieser Herzen ist in aller Welt und zu jeglicher Zeit gleich und gleich einfach.

Was wollen denn dieMillionen, die in die Geschichte ihrer Völker hineingeboren werden und anscheinend nur dazu bestimmt sind, sie zu vollziehen, indem sie sie gehorsam oder protestierend es bleibt sich gleich erleiden? Sie wollen leben; sie wollen in Frieden ihrem Tagewerk nachgehen; sie wollen ihre Träume vom Glück haben dürfen; sie wollen ihren Kindern die Gewißheit mit auf denWeg geben können, daß sie sich, inwelche Ferne es sie auch verschlagen mag, nirgends in dieser Welt zu fürchten brauchen. Aber gerade die Furcht hat über die Millionen ihr Regiment geführt und führt es heute noch; gewiß war und ist nur die Ungewißheit; das Glück bestand darin, daß man die Tränen der Verzweif- lung noch weinen konnte, ihr Strom nicht schon versiegt war; der Frieden, das waren die bangen Augenblicke zwischen Entwarnung und Voralarm. Und dasLeben war eine Todes- erwartung.

Alles in allem: die Wahrheit der Geschichte dokumentierte sich vor Pabels erschrockenen Augen, als er die Wahrheit der menschlichen Herzen fotografierte. Und so ist dieses Buch eine Beschwörung der Geschichte und der Mächte, die dieses geschichtliche Spiel erfunden haben:

Laßt es genug sein! DieZukunft und der Tod, beide sitzen im Zuschauerraum, nur sie beide noch, alle anderen sind schon gegangen. Entweder Oder. So explosiv, wie heute die Erdkugel ist, kann man es sich nicht mehr leisten, die Zukunft zwar zu meinen, aber wie eh und je doch die alten Wege der Vergangenheit weiter zu gehen.

WILLI STEINBORN