Die ersten praktischen Schritte im Bemühen, die „Judenfrage zu lösen“, wirken nahezu dilettantisch, wenn man sie mit der perfekt funktionierenden Ver- nichtungsmaschinerie, die bald in Aktion treten sollte, vergleicht. Man schickte die anderen vor. Otto Bräu- tigam, der als Vertreter Alfred Rosenbergs, des Reichs- leiters und Reichsministers für die besetzten Ostge- biete, beim Oberkommando des Heeres tätig war, hat in seinem Tagebuch Eindrücke festgehalten, die er auf einer Dienstreise nach Kowno gewonnen hatte, das eben erst von deutschen Truppen besetzt worden war:
11.7.41:
Fahrt mit Dr. Kleist nach Kowno, den ich dort als VD(VO?) des Reichsleiters Rosenberg bei General Rocques und Oberstleutnant Krieg- stein(?) absetzte. Die Fahrt führte über Eydtk[..], wo ich im Sept. v. J. mit dem Kurier Vörkel einen ganzen Sonntag verbracht hatte, weil wir— von Moskau kommend— den Anschluß verpaßt hatten. Die litauischen Städte, die wir durchfuhren, zeigten noch alle Spuren des eben überstandenen Krieges. Vielfach waren ganze Stadtviertel dem Erdboden gleich gemacht. In Kowno war ein verhältnismäßig starker Stadtverkehr, die Leute waren ernst, wohl auch aus Sorge um das täg- liche Brot. Von einer Begeisterung über die Befreiung vom Bolschewis- mus war im Stadtbild wenig zu verspüren, obwohl die Freude hierüber bei der Masse der Bevölkerung bestimmt vorhanden war. Immerhin waren die Städte reichlich mit litauischen Fahnen geschmückt. Unter unserer stillschweigenden Duldung wurden zahlreiche Judenpogrome von der litauischen Hilfspolizei durchgeführt. Im übrigen wurden die Juden, deren Kleidung mit einem gelben Stück Stoff auf dem Rücken versehen war, zu Arbeitskolonnen zusammengestellt.
Wir wurden vom General Rocques zum Mittagessen eingeladen, machten hinterher einen kleinen Bummel durch die Stadt, woraufhin ich um 4 Uhr die Rückfahrt auf dem gleichen Wege antrat.
Beide Memelbrücken in Kowno waren gesprengt und lagen im Was- ser. Der Verkehr vollzog sich über Notbrücken.
Zwei Monate später ist dieses Anfangsstadium, wäh- renddessen die Litauer und andere ‚„ermuntert“ wur- den, bereits überwunden. Die Eintragungen im Tage- buch Bräutigams sprechen schon eine deutlichere Sprache:
14. Sept. 1941:
Kalinin hatte angeordnet, daß alle Wolgadeutschen nach Sibirien zu verschicken seien. Offenbar fürchtet man sie im Herzen der Sowjet- union zu belassen und wollte sie auch einem etwaigen späteren Angriff durch uns entziehen. Von dem traurigen Schicksal, verbannt zu werden,
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