mir zu Bewußtsein gebracht, daß unsereins aus seinen Schilde- rungen unbewußt das Krasseste wegläßt, wahrscheinlich aus der Befürchtung, daß solche Dinge ein Mensch, der sich nicht selbst gesehen hat, nicht glauben kann. Die junge Generation soll und muß aber erfahren, was noch vor zwei Jahrzehnten in Deutschland und auch in Österreich möglich war. Sie muß hören, was für Menschen dabei schuldig geworden sind, und wie es dazu kommen konnte. Die Wahrheit soll nicht halb, nicht zwielichtig bleiben. Denn erst, wenn man sie in ihrem ganzen Umfang kennt, ist man in der Lage, Lehren daraus zu ziehen. Nur der Wissende fühlt sich dazu verpflichtet. Soll sich also an die dicken Bände der zeitgeschichtlichen Fach- literatur ein neuer reihen? Die bereits erschienenen Bücher teilen wohl das Schicksal jeder Spezialliteratur: Sie werden nur von Fachleuten gelesen. Sollen Augenzeugenberichte von Opfern zu- sammengestellt werden? Der Zweifelnde wird geneigt sein, anzu- nehmen, daß sie wenn auch unbewußt übertreiben. Sollen die Tatsachen, die in verschiedenen Prozessen bekannt geworden sind, sollen die Geständnisse der Schuldigen publiziert werden? Sie können auf den Einwand stoßen, daß schon mancher unter dem Druck der Haft mehr zugegeben hat als die Wahrheit. Wie kann man also die historische Wahrheit so darstellen, daß auch der Mißtrauische, der Zweifelnde überzeugt wird? Wenn ein Täter selbst, zur Zeit seiner Taten, darüber gespro- chen hätte, privat und ohne Berechnung auf die Wirkung seiner Worte, dann müßte wohl auch der Ungläubigste seine Zweifel fallen lassen. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Aber einige wenige Tagebücher, die von den Taten künden, Briefe, in denen sie beschrieben werden, sind erhalten geblieben. Ihre Echtheit steht außer Zweifel. Auch die größte Skepsis kann keinen Anlaß finden, daran zu zweifeln, daß das dort Beschriebene auch tat- sächlich geschehen ist. Wir wollen die Täter belauschen, wir wollen erfahren, was für Menschen sie waren. Ihre Schilderungen, ihre Charaktere, die sich in ihren Aufzeichnungen offenbaren, müssen wohl jeden zum Nachdenken zwingen, zu Gedanken, die man sich, hinter Zwei- feln verschanzt, vielleicht ersparen hätte wollen. Auf Grund dieser Überlegung wurde dieses Buch zusammen- gestellt. Es soll und kann keine wissenschaftliche Dokumentation ersetzen. Vielleicht kann es anregen, solche Arbeiten in die Hand zu nehmen. Aus dem furchtbaren und so umfangreichen Ge- schehen können nur kleine Episoden herausgegriffen und mit Hilfe von Tagebüchern und Briefen geschildert werden. Der Zu- fall hat bestimmt, was aufgezeichnet und erhalten geblieben ist. 10