streichen lassen, Sie hatte einen Schlaganfall gehabt und lag gelähmt im Bett, nicht imstan- de, sich allein aufzusetzen oder sich auf die Seite zu drehen. Für jeden Bissen und jeden Schluck Wasser brauchte sie eine Hilfe. Und wenn die Schwester, die sie hingebend pflegte, abends den Dienst verließ und ich mit Sprech- stunde und Besuchen fertigwar, trat ich an ih- re Stelle. Der Mutter in ihrem stillen Kämmer- chen konnte man den Abtransport der Juden verheimlichen, aber während ich an ihrem Bet- te saß und ihr von der Praxis erzählte und mit ihr dalberte und schäkerte, lauschte ich ange- spannt auf jedes Geräusch an der Tür, auf je- denSchrittauf der Treppe und auf das Bremsen von Wagen vor dem Haus. Wann würden sie zu uns kommen und uns holen, uns beide zusam- men oder getrennt, mich allein und die kranke Mutter hilflos liegenlassen oder aber sie weg- nehmen und als Häftling ins Krankenhaus brin- gen, wo ich sie nie mehr besuchen durfte? Ich kannte den Fall des berühmten Bakteriologen Dr. H., der mit einer eitrigen Kniegelenkent- zündung ans Bett gefesselt war und von seiner Tochter aufopfernd betreut wurde. Eines Abends holte die Gestapo sie beide ab, zuerst die Tochter auf Nimmerwiedersehn ins Sammel- lager und zum nächsten Transport, und dann den Vater. Auf einem kleinen Tempowagen,
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