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Auschwitz : ein Tatsachenbericht ; das Vermächtnis der Opfer für uns Juden und für alle Menschen / Lucie Adelsberger
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daß die Gestapo am 16. Oktober wieder eine Streife aufJuden unternehmen würde. Alle hat- ten den 30. Juli noch in lebhafter Erinnerung, an dem die Gestapo schon einmal eine abend- liche Exkursion inszeniert und Hunderte von Menschen in das Arbeitslager Wuhlheide ge- bracht hatte. Wer nicht pünktlich abends um 9 Uhr, zur vorgeschriebenen Zeit, in seiner Wohnung angetroffen worden war und gar noch auf der Straßeherumflaniert hatte, wurde dorthin geschickt: 30 Tage in einem Arbeits- lager mit seinem Drill auf Zeit sind eine dra- stische Erziehungsmethode für unpünktliche Leute, und es wurden sogar alle anderen davon beeindruckt. Die zerbrochenen Glieder und die ausgedehnten Wundentzündungen, die die we- nigen, die von Wuhlheide lebend herauskamen und im Krankenhaus vegetierten, aufwiesen, waren für alle ein sehr wirksames Mittel der Erziehung zur Pünktlichkeit. Brav und folgsam waren am 16. Oktober 1940 alle Juden abends zu Hause, auch die wenigen, die sonst noch abendliche Eskapaden zu unternehmen wag- ten.

Am 17.10. morgens sprach es sich herum, daß die Gestapo wirklich gearbeitet hatte. Alle Wohnungen, für die der Räumungsbefehl ergan- gen war, waren geräumt worden. In dunkler Nacht- bescheiden, wie die Gestapo war, ver-

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