Einer der Arbeiter sagte uns, daß wir vor 14 Tagen Gefahr liefen, evakuiert zu werden, jetzt wäre diese aber absolut vorüber. Was das hieß— Evakuierung—, das wußten wir nur allzu genau, da wir bereits gesehen hatten, in welch furchtbarem Zustand solche Häftlinge hunger- marschierten. Zu uns drangen Nachrichten der widersprechendsten Art über die Befreiung von Buchenwald. Die einen behaupteten, daß dieses Konzentrationslager von den Deutschen an die Alliierten übergeben worden war und den Häftlingen nichts geschehen sei, andere wieder, daß alle Gefangenen vorher niedergemetzelt worden waren.
Wir nahmen nun Anlauf zu dieser letzten Kraftprobe, allem Kom- menden mit Ruhe und Fassung entgegenzusehen. Leider fehlte uns jede organisierte Selbsthilfe, bis auf die, daß wir beide, meine Mitarbeiterin und ich, Drahtzwickzangen, Scheren und Schraubenzieher ins Lager schmuggelten, taten wir nichts Besonderes, da es uns vor allem an jeder Hilfe von außen mangelte.
So kam der Monat April und die Nachricht, die Amerikaner ständen bereits vor Leipzig.
Nun kam eine große Spannung über uns, denn diese Stadt war nur 60 km von Oederan entfernt.
Nach einem Telefongespräch des Betriebsleiters mit Leipzig fuhr der deutsche Magaziner dorthin, um auch wirklich nach einigen Tagen mit sehr wichtigen Maschinenbestandteilen zurückzukommen. Wir waren bitter enttäuscht, um so mehr als auch zu gleicher Zeit eine Riesen- maschine ankam, die von 30 Mann transportiert werden mußte Wir
horchten aufmerksam überall hin und registrierten die feinsten Schwin-
gungen dieses Niederganges.
Es kamen abgezehrte, abgerissene deutsche Soldaten. Sie waren Hand- werker und arbeiteten an den verschiedensten Maschinen Diese Sol- daten waren ziemlich unbekümmert und unvorsichtig in ihren Bemer- kungen, und daraus ersahen wir am besten, daß es wirklich zu Ende ging. Wir aber, wenn auch das Ende nahe, wußten, unser Schicksal hing an einem sehr dünnen Faden, der jeden Moment reißen konnte.
So nahe die Freiheit, wir aber waren in den Klauen dieser mitleid- losen Mörder, von denen wir kein Erbarmen zu erwarten hatten.
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