Jächeln
Wir gehen etwa fünfzig Schritt weiter, dann wird plötzlich haltgemacht. Liesner hebt die Hand. Sie ist rosig und mit goldig schimmernden Härchen bewachsen. Die Hand sinkt herunter, ihr halbgebogener Zeige- finger streckt sich und deutet auf einen Mann in der Kolonne. Reschin fragt:„Ich?“
„Ja, ja“, sagt Liesner und winkt noch einem zweiten. Reschin und ein mir unbekannter älterer Mann mit einem faltigen Gesicht gehen zu dem’Kapo hin. Liesner sagt grinsend:„Für alte Leute ist es gut, vor der Arbeit die Gelenke ein bißchen zu schmieren. Nicht wahr?“ Reschin schweigt finster. Der Mann mit dem faltigen Gesicht sieht den Professor fragend an. Dieser über- setzt den Satz schnell ins Russische.
„Na, wie ist es?...“ fragt der Kapo.
Sein zigeunerhafter Gehilfe ruft schrill:„Hinlegen!“ Die beiden alten Männer lassen sich mit dem Gesicht nach unten zu Boden fallen.
„Aufstehen!“
Sie springen hoch. Liesner schlägt dem mit dem faltigen Gesicht den Gummiknüppel über den Kopf.
„Marsch, marsch!“
Reschin und sein Kamerad beginnen, vornübergebeugt, schwerfällig zu laufen. Der Unbekannte bekommt wie- der etwas ab: Der Gehilfe des Kapo versetzt ihm mit dem Stock eins über den Rücken- der Kamerad ist offenbar sehr schwach— und schreit erneut:„Hin- legen!“
Diese Quälerei wird so lange fortgesetzt, bis die wan- kenden, staubbedeckten, schweißnassen alten Männer zu einem schattigen kleinen Plateau gelangt sind, das von mehreren Reihen breitästiger Kastanien umstanden ist. Wir folgen in Reih und Glied niedergeschlagen nach. Liesner läßt uns halten, verschränkt die Hände
29


