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Wie war das in Dachau? : Ein Versuch, der Wahrheit näherzukommen / von Johann Neuhäusler
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10. Es geht zu Ende mit dem KZ, aber auch mit Tausenden von KZlern

Schon 1943/44 war eine Welle von Bauchtyphus über das Lager Dachau ge- kommen und hatte einige Hundert mitgenommen. Aber was war das gegen- über dem Gifthauch, den ein Jahr darauf dieses

Ungeheuer aus dem Osten und Balkan

im ganzen Lager auf Monate verbreitete! Geben wir wieder das Wort einem, der Augenzeuge all des Leidens und. Sterbens war, dessen Herz blutete, dessen Mund Wahrheit spricht, dem absolut verlässigen Joseph Joos(Leben auf Widerruf, S. 152):

Der wahnwitzige Massenzugang vom Balkan her hielt an. In Ost, Süd und West wurden Hals über Kopf Konzentrationslager geräumt. Alles nach Dachau! Wie sollte das enden? Die Blöcke waren über Nacht dreifach, vier- fach und sechsfach überbelegt. Die Massen stauten sich in den Baracken, in dem engen Blocksträßchen. Von Ruhe und Schlaf keine Rede mehr. Und das Ungeziefer raste.

An dem Tag, da uns der unglücklich verantwortliche Capo der Lager- desinfektion, Jakob Koch, atemlos zurief:Kommt und seht! Milliarden von Ungeziefer! Die abgelegten Kleider der Häftlinge, die gekommen sind, bewegen sich! Und gedämpft und bedrückt hinterher:Ich glaube nicht mehr, daß wir es zwingen. Wir gehen alle unter._ Da wußten wir genug.

Jakob ließ dem Chefarzt keine Ruhe mehr. Meldung über Meldung.Herr Chefarzt, es geht nicht mehr. Die Quarantäne nützt nichts. Unsere Des- infektionsmittel reichen nicht aus, und die Blöcke sind verlaust. Zuviel Men- schen. Wir können uns nicht mehr rühren. Der Chefarzt hörte, und es ge- schah nichts. Tage und Wochen verrinnen. Schon toben Hunderte im Fieber. Bislang kerngesunde, langjährige Dachauer, wertvolles Blockpersonal, ist in wenigen Tagen erledigt. Nun, zu spät, folgen überstürzte, sinnlose Maß- nahmen, die nichts mehr retten, aber Bedrohtes zu raschem Untergang treiben.

Was sich ab Ende Dezember 1944, im Januar und Februar 1945 im KZ Dachau abgespielt hat, gehört zu den erschütterndsten Tragödien in der Geschichte aller Konzentrationslager. Hier das Zeugnis von Überlebenden vom Block der Alten und Invaliden, im besonderen von dem 31 Jahre alten Kriegsinvaliden Paul Ferrier, der Juni 1945 noch unter dem frischen Ein- druck der furchtbaren Erlebnisse schrieb:

»Wir waren voller Läuse und Flöhe. Viele hatten keine Matratze mehr und lagen nackt auf den Brettern. Da sie nicht mehr aufstehen konnten, wur- den alle Bedürfnisse am Orte verrichtet. Von den oberen Betten fiel der

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