2. Sat wre z
Aufenthaltes im Sperrblock Nr. 15 aufzuhellen. Er wurde im Laufe des Jahres 1943 zur Wehrmacht entlassen.
Auch unser Blocksekretär, ein Tscheche, Lehrer von Beruf, blieb uns Neu- lingen ein herzensguter Nothelfer.
In noch besserer Erinnerung steht uns Kamerad Schremmer, unser Kan- tineur, der als Lehrer zugleich unsere sogenannte Umschulung zu leiten hatte. Dieser schlanke Mann, mit einem bleichen Gesicht und freundlichen Augen,
war nicht aus der Ruhe zu bringen. Hunderterlei Fragen wurden ihm täglich
gestellt. Jeder wollte gerne wissen, wie es im Lager zugehe, welche Arbeit man bekomme, ob Dachau so schlimm sei, wie man uns erzähle usw. Eine freundliche Antwort blieb nie aus. Wenn man sich Alarmberichte über gute oder schlimme neue Maßnahmen von Ohr zu Ohr tuschelte, verzog Schremmer kaum das Gesicht und meinte stets recht trocken:„Kinder, laßt euch nicht aufregen! Glaubt nichts! Das sind lauter Latrinenparolen!“ Unser Kantineur und Lehrer gehörte den hochgebildeten Kreisen an; er leitete als Direktor den Münchener Theatinerverlag und war wegen seiner katholischen und königs- treuen Gesinnung hinter den Stacheldraht gekommen. Auch Schremmer brachte den kranken Kameraden im geheimen das heilige Abendmahl.
Neben diesen Kameraden, die zum Personal gehörten, hatte ich auch bald gute Freunde unter den Neuankömmlingen. Der 69jährige Geistliche Cor- donnier, ein Belgier, war mir besonders lieb. Dieser noch rüstige, stark ge- baute Priestergreis hatte schon einige Monate in verschiedenen Gefängnissen zugebracht. Viele Hungergeschwüre plagten ihn. Bei der Ankunft in Dachau wurde er von der SS aus dem Autobus hinausgeworfen. Cordonnier hatte sich das Nasenbein gebrochen. Der kurzsichtige Mann verlor dazu seine Brille und konnte jetzt nicht mehr lesen, was ihm ungemein leid tat. Auch war sein ganzes Antlitz durch Wunden entstellt. Dieser feinfühlige frühere Seminar- professor von Liege brachte sein Talent als Lehrer mit ins Dachauer Lager. Wie oft trat er aufklärend, vermittelnd und auch zurechtweisend auf! Unter den Kameraden wimmelte es von vielem Gesindel mit grünen und schwar- zen Winkeln, demnach Arbeitsscheuen, Trunkenbolden, ja Verbrechern. Da hetzte der eine gegen die Pfarrer, ein anderer riß unsaubere Witze, ein drit- ter stahl den Kameraden Brot, Seife usw. Wir hatten unter uns bärbeißige Grobiane, großmäulige Schwätzer, klatschsüchtige Besserwisser, Krakeeler aller Art. Cordonnier, der einigermaßen gut deutsch sprach, suchte besonders in Abwesenheit des Stubenältesten Kopp zwischen den Streithähnen zu ver- "mitteln. Besonders mutvoll und energisch trat er gegen die Pfaffenfresser und Religionsspötter auf und brachte sie nicht selten zum Schweigen“(S. 69 ff.).
59


