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Die Stimme des anderen Deutschland : [dieses Buch soll vom Wesen des deutschen Widerstandes einen Eindruck vermitteln, an seiner Zusammenstellung wirkten zahlreiche Angehörige der deutschen Widerstandsbewegung mit] / [Hrsg. VVN]
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In dem gleichen Maße, in dem die redselige Verhandlungsbereltschaft selbst höch- ster SS-Funktionäre wie Himmler zunahm, nahm auch die Tätigkeit der Exekutions- moschinerie der Justiz und der Gestapo zu. Immer stärker wurden die Schläge, die nach den großen Schauprozessen, die dem Bombenanschlag des 20. Juli folgten, den Widerstandsgruppen versetzt wurden. Kaum gelceng es ihnen, den Rest der

noch Verbliebenen zu retten. Es ging darum, beim militärischen Zusammenbruch der

Hitlerregierung sich das Gesetz des Handelns für die zukünftige Gestaltung Deutsch- lands nicht ganz aus der Hand nehmen zu lassen und wenigstens einen Teil der Vertreter der Widerstandsbewegung lebend hinüberzuretten, um durch sie die Bil- dung einer unabhängigen deutschen Republik zu erzwingen. Um der historischen Wahrheit willen sei auch nochmals daran erinnert, daß dies durch die Spannungen der Okkupationsmächte doch noch verhindert wurde. Nfcht unerwähnt soll dabei bleiben, daß diese Absicht der Widerstandsbewegung dadurch noch erschwert wurde, daß man im Einmarschgebiet der Westalliierten stellenweise die politischen Häftlinge erst nach geraumer Zeit frei ließ; beispielsweise in Hamburg, wo die Kopitulation am 3. Mai 1945 erfolgte, wurden die politischen Gefangenen erst am 26. Mai aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen.;

Der zu erwartende Sturm erfüllte die Widerstandskämpfer in dieser Zeit mit einer gewissen Zuversicht, während jene Kreise, die sich für die Nachkriegszeit ein Alibi sıchern mußten, immer unruhiger wurden. Tag um Tag wurden z. B. vier Wochen lang im Kesselhaus des Untersuchungsgefängnisses in Hamburg die Akten der Gestapo verbrannt. Im April 1945 arbeiteten die Paßstelle und das sogenannte ‚Hauptwirt- schaftsamt beide unter Kontrolle von Gestapoagenten mit Hochdruck. um allen Belasteten gefälschte Kennkarten, Abmeldebescheinıgungen für Lebensmittel- karten(Korrektheit muß sein!) und andere notwendige Papiere auszustellen. Bis auf die roten Ausmusterungsscheine der Wehrmacht waren die Papiere der Kriminalsekre- täre und der ‚V-Leute, die mit ihnen in den letzten Jahren die deutsche Wider- standsbewegung zertrümmert hatten, komplett. Die als Leihbücherei, Lesemappen- zentrale, Seifenhandlung oder sogar Wirtschaftsamt getarnten Agentenzentralender Hamburger Gestapo wurden schleunigst liquidiert, alle Beteiligten tarnten sich mei-

sterlich einschließlich des Hotelknellners im ‚Hotel Atlantik, der fremde Rei-

sende auszuhorchen pflegte, des Theaterfriseurs, der den Gestapospitzeln falsche Bärte lieferte und des Chauffeurs, der Möbel, Bücher und anderen Besitz liquidier- ter Antifaschisten in die Wohnung seiner Gestapovorgesetzten zu fahren pflegte. Mit gebeugtem Rücken wurde die Besatzungsarmee empfangen man war zum Start in die Demokratie bereit, das neue Spiel konnte beginnen,

Die wenigen Akten, die zeigten, wieder deutsche Widerstand gegen Hitler bei- spielsweise in Hamburg aussah und wie er ausradiert wurde, waren zumeist ver- brannt. Das interessantesite unter den nicht verbrannten Akten blieb zum Teil in Händen der Besatzungsmacht. Warum auch sollten Gestapoleute, die alsExperten zur Bekämpfung von Untergrundbewegung gelten konnien, nicht zusammen mit deutschen Atomwissenschaftlern und Ingenieuren im Ausland neue Karriere machen können? Der Hamburger Archıvar ‚Detlev Möller aber schrieb in seinem 1947 er- schienenen BuchDas letzte Kapitel, bis zum April 1945 sei in Hamburg von einer Widerstandsbewegung nichts zu merken gewesen, bis auf kleine Jugendklubs, welche,die englischen Farben.unter dem Rockaufschlag nur halb verbergend, dem Swing huldigten. Möllers Versuch, den Kreis jener Deutschen, die sich 1945 vom Kurs der nationalsozialistischen Staatsführung abwandten, durch die überraschende Nennung neuer Namen zu bereichern, steht nicht vereinzelt da. Selbst ehemalige Mitarbeiter Hitlers haben in der leizten Zeit versucht, durch Veröffentlichung ihrer Memoiren in der britischen Besatzungszone der ‚historischen Wahrheit und der persönlichen Rehabilitiertung zu dienen. Warum sollte man nicht einmal vorschlagen, daß sich einige deutsche Historiker nunmehr auch der Geschichte der deutschen Widerstandsbewegung annehmen? Ständig werden neue Akten entdeckt. Von denen aber, die in den Speichern und Kellern. deutscher Justizstellen verstauben, wird sehr selten gesprochen.

Für den Lokalhıstoriker in Hamburg müßte es beispielsweise reizvoll sein, an ge- wisse Dinge zu erinnern, So geht aus Hamburger Akten hervor, daß durch den Kriminalrat Kopko aus Berlin spezielle Folterwerkzeuge nach Hambu:g geschafft wurden und die Hamburger Gestapo vollste Freizügigkeit zurverschärften Verneh- mung der Bästleingruppe und auch der 1944/1945 sehr aktiven KdF-Gruppe Kampf dem Faschismus gewährt wurde. Allein am 5. Mai 1944 wurden, so müßte ein Lokalhistoriker berichten, achtzehn Todesurteile gegen Angehörige der Bästlein- gruppe gefällt. Kurz vorher waren vier dieser Gruppe durch die Hamburger Gestapo zur illegalen Exekution nach Neuengamme geschafft worden. Die Todesserie gegen die Vertreter jener Gruppen schloß erst ab, als die Engländer bereits in Hamburg einmarschierten; so die Liquidation von dreizehn Frauen ‚und achtundfünfzig Män- nern, der Todesmarsch nach Kiel-Hasse, wo ein schleswig-holsteinischer Bauer an

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