Druckschrift 
Die Stimme des anderen Deutschland : [dieses Buch soll vom Wesen des deutschen Widerstandes einen Eindruck vermitteln, an seiner Zusammenstellung wirkten zahlreiche Angehörige der deutschen Widerstandsbewegung mit] / [Hrsg. VVN]
Entstehung
Seite
117
Einzelbild herunterladen

dem szeit

| der den Kreis

5

Der Neuvaufbau einer echten Volksregierung aber in den kleinsten Zellen durch Volksausschüsse(Vorparlamente) und Betriebsräte war der Programmpunkt Nummero eins der Saefkow-Gruppe etwas, was nach 1945 dann mit Kontrollratsgesetzen und Fragebogen versucht wurde. In einem handschriftlich hinterlässenen und beım An- klagematerial des Volksgerichtshofes vorgefundenen Aufruf an die Berliner Arbeiter

fordert Saefkow die sofortige Wahl von Betriebsräten, die dem bewaffneten Schutz

vonWehrgruppen zu je drei Mann unterstellt werden sollen. Es wird aktiver Widerstand gefordert gegen alle Anordnungen nationalsozialistischer Betriebsführer. Es wırd zur Bildung einernationalen Einheitsfront ermahnt mit der Parole:Her- aus aus dem Siumpfsinn, mit dem ihr noch den Krieg ertragt. Du darfst nicht war- ten, bis Dir Deine Führung,den Befehl zum Handeln gibt.

In einem gleichzeitig verbreiteten Merkblatt, das tausendfach an die West- und Ostfront gesandt wurde, fordert der Berliner Ausschuß desNationalkomitee Freies Deuischland die Frontiruppen auf, den Kampf einzustellen. Wenn man der Anklage- schritt des Volksgerichtshofes Glauben schenken aarf, so hat die Gruppe Saefkow bereits 1943 langwierige Verhandlungen mit anderen deutschen Widerstandsgruppen geführt. Namentlich werden aufgeführt Besprechungen mit der SPD-Gruppe von Reichweın und Leber, mit katholischen Geistlichen, fortschiiitlich gesonnenen Industriellen und Ingenieuren und mit Oppositionsgruppen innerhalb der Wehrmacht und des M.ni- steriums für Rüstung und Kriegsproduklion. Von der Wehrmacht-Propaganda-Ablei- lung des OKW e.hielt die Saefkow-Gruppe das bei alliierten Truppen und Agenten beschlagnahmie Informations- und Propagandamaterial. Bei der Verhaftung der drei Angeklagien wurden ferner Geheimdokumenie aus dem Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion sichergestellt; durch einen Vertrauensmann aus dem Ministerium Speer der Widerstandsbewegung ausgehändigt. Bisherige Ermittlungen ergaben, daß allein in 22 Großbetrieben Berlins und einer größeren Zahl von Werken Hamburgs Beauftragte der Saefkow-Widerstandsgruppe tätig waren, um die Nationalsozialisten durch Produktionssenkung zur Einstellung des Krieges zu zwingen. Die Produktions- zeniren für neueniwickeite Flugzeug- und Panzertypen, technische Schlüsselbetriebe, wie Osram und Telefunken, Siemens, Heinkel und Argus, ferner Hamburger Werften und einige andere Betriebe gehörten zu den Stützpunkten der Saefkow-Untergrund- bewegung.

Der Rahmen war sehr weit gespannt: In Hamburg sammelte Roger Fredana aus Paris, Vertrauensmann der französischen Kriegsgefangenen, täglich Geld für die An- gehörigen der aus politischen Gründen inhafiterten deutschen Arbeiter. Auch An- gehörige der anderen elf Nationen, die in Ausländer- Arbeitslagern Hamburgs lebten, haben den deutschen Widerstand gestärkt und gestützt. Noch ım Maoi 1944 brachten dıe Berliner Aıbeiter mehrere tausend Reichsmark auf, die sie freiwillig für die Saefkow-Organisation spendeten. Aerzle, Stabsoffiziere der Wehrmacht, Ingenieure und Siudienräte trugen in Berlin durch Privatspenden zur Finanzierung der Saefkow-Orgarnisalion bei. Die Frau von Rudolf Pechel, dem damals im Kon- zentrationslager sitzenden Chefredakteur derDeutschen Zukunft, vermittelte der Saefkow-Gruppe Verbindung zu konservativen Kreisen, um ZU einer großen nationa- len Sammelbewegung zu gelangen.Wir als| Kommunisten, so schreibt Saefkow in einer an seine Parteigenossen gerichteten Mitteilung,müssen um der Einheit willen bewußt manche Forderung zurücksiellen.

Es muß Ende 1943/Anfang 1944 auch zu festen Vereinbarungen mit anderen Wider- standsgruppen gekommen sein, Vereinbarungen über die ersten gemeinsamen Schritte zur Bilaung einer neuen deutschen Republik. Jedenfalls schreibt Saefkow kurz vor seiner Verhaftung im Mai 1944:Wir(d. h. wir Kommunisten, Anm. d. Verfassers) kämpfen am stärksten für die vereinbarten Ziele.

Vierundzwanzig Stunden bevor die Invasion begann und die ersten britisch-ameri- konischen Fallschirmspringer, ın der Normandie landeten, zogen die noch auf freiem Fuß ı befindlichen Führer der Nordwesideutschen Widerstandsbewegung eıne be- drückende Bilanz: Ihr Plan, das Hitlerregime durch eine revolutionäre Volksbewe- gung zu stürzen, hatte einstweilen zu einer Welle von Todesurteilen, aber noch nicht zu einer Volksbewegung geführt. In einem damals am 5. Juni 1944 an die leitenden Funktionäre verteilien sıebenseitigen Memorandum heißt es:Im Gegen- satz zu 1941 herrscht weitgehende Uebereinsiimmung, daß die Niederlage Hitlers unabwendbar und nur noch eine Frage der Zeit ıst. Differenzen gibt es höchstens noch über die Art, wie sie erfolgt. Es wird, da zum totalen Zusammenbruch Deutschlands der totale Einsatz der alliierten Militärmaschinerie notwendig erscheint, vorausgesagt, daß sich einige Vertreter des nationalsozialistischen Staates bemühen würden, Kapitulationsverhandlungen durch die Bildung eines Uebergangskabnetts ohne Hitler zu ermöglichen. In der Tat hat sicn dann auch zuletzt noch nach der foımellen Kapitulation der deutschen Wehrmacht mehrere Wochen lang ein solches Uebergangskabinett Dönitz/Schwerin-Krosigk in Flensburg im britischen Kontrollgebiet erhalten.

117