kunft ein:„Aber wenn wir zerbrechen müßten, würde mit uns das deutsche Volk zerbrechen’.
Drei Jahre später heißt es in einem Memorandum der deutschen Widerstandsbewe- gung(bekannt geworden als das„politische Testament‘' des Anton Saefkow): „Deutschlands kommender Zusammenbruch ist ni.cht Deutschlands Untergang.‘ Da- her hatte die Saefkow-Gruppe auch bewust in den großen Versorgungsbetrieben, den Gas- und Elektrizitätswerken ihre Vertrauensleute postiert, um die Anlagen in- takt zu halten und Hitlers Politik der„verbrannten Erde’‘ zu verhindern, der noch Millionen Deutsche zum Opfer gefallen wären. u
Die bis jeizt in deutscher Hand befindlichen und gesichteten Geheimakten des Dritten Reiches nebst anderen Dokumenten bescgen, daß allein an der von Saefkow auf- gebauten Gruppe der deutschen Untergrundbewegung zu der Zeit, als das oben zitiierie Memorandum verfaßt wurde, ıund 40C0 Personen beteiligt wa en, Als An- führer dıeser Gruppe nennt der Oberreichsanwalt in seiner am 31. August 1944 dem Ersten Senat des Volksgerichtshofes in Berlin überreichten Anklage den 41jährigen Kraftfahrer Anton Scaefkow aus Berlin, den 38jährigen Schlosser Franz Jacob aus Hamburg(vor 1930 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft) und den S0jährigen Ham- burger Feinmechaniker Bernhard Bästlein aus Hamburg(vor 1933 Abgeordneter der KPD im Preußischen Landicg). Bereits fünf Tage später wird in einer formellen Hauptverhandlung gegen die drei in Haft befindlichen Männer unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Stier vor dem Volksgerichtshof das Todesurteil gefällt. Der Vorsitzende weist in der Anklageschrift ausdrücklich darauf hin, daß in der Haupt- verhandlung nur das zur Sprache kam, worauf die Angeklagten bei ihren Einver- nahmen durch die Geheime Staalspolizei bereits eingegangen seien. Die drei Ge- nannten werden zusammen mit zwölf anderen Gefangenen schon drei Tage nach dem Urleilsspruch am 8. September 1944 im Zuchihaus- Brandenburg um die Mittagszeit hingerichtet.
Umfang und Ziele dieser Saefkow-Widerstandsgruppe, deren„Führungskopf‘ in der Rekordzeit von 8 Tagen durch die willfährige Justiz liquidiert wurde, ersch’en den nationalsozialistischen Exekuiivorganen so gefährlich, daß sie selbst den Kreis der eingeweihten Nationalsozialisien so klein wie möglich zu halten wünschlen. Wesentliche Punkte der konspiraiiven Tätigkeit, vor allem das konstruktive politische Programm, bleiben in der Anklageschrift fast unbeachtet. Die Revolulionäre hatten bereits eine bewaffnete Arbeitermiliz’ und Kampfgruppen im Ersatzheer zu bilden versuchi. Die meisten Akten erwähnten diesen Teil der Umsturzvorbereitungen nur mit der nichtssagenden Formel, die Angeklagten hätten den Aufbau eines AM- Apparates(allgemeinen Militörapparates) geplant. In Hamburg besaß die Organi- sation kömplett alle militärisch wichtigen Akten des Wehrkreises X. Das Hanseatısche Obeilandesgericht teilte dem Hamburger Sozialdemokraten Herbert Bittcher, der sechs Monate vor Beginn des Berliner Liquidationsprozesses wegen Zugehörigkeit zur Bästleingruppe hingerichtet wurde, am 18. Februar 1944 ausdrücklich mit:„Sie werden darauf hingewiesen, daß Sie die Anklageschrift geheim zu halten haben und aufgefordert, die Anklageschrift am Schluß der Hauptverhandlung dem Gericht zu- rückzugeben.‘'
Ein Blick auf das Programm und die Plattform dieser Saefkow-Widerstandsgruppe genügt, um die Nervosität der führenden Nationalsozialisten zu begreifen. In Stock- holm, Oslo und Zürich befanden sich kurz nach der Kapitulation Hitler-Deutschländs Dokumente und Flugschrifien, aus denen das Aktionsprogramm der Widerstands- bewegung in Nordwestdeutschland klar hervorging. Es ist bekannt und jederzeit belegbar, daß diese Norddeutsche Widerstandsgruppe mit den Zentren Hamburg/ Berlin ihre Außenposten nicht nur in den Industriegebieten Schlesiens, Mitteldeutsch- Iunds und der Ruhr besaß. Ueber die schwedische Gesandtschaft in Berlin sind schon 1943 Widerstandsdokumente nach Stockholm gelangt,— zwölf Monate bevor die Opportunisten unter den nationalsozialitischen Führern ihre Friedensfühler in der gleichen Richtung ausstreckten. Angesichts anderer bestehender Fäden nach Zürich, Oslo und Brüssel, kann man wohl sagen, daß sich dieser verzweifelte Versuch, die Regierung Hitler noch vor Beginn der Invasion äurch eine Volksbewegung zu stürzen, vor den Augen des neutralen Auslandes und höchstwahrscheinlich auch mit Wissen der damals Deutschland bekämpfenden Großmächte abgespielt hat. Die Sowjet-Union hat durch Hilfsmaßnahmen von 1942 bis 1944 zum Zustandekommen die- ser Volksbewegung beizutragen versucht. Aus den bei Abschluß dieser Arbeit vor- liegenden Dokumenten geht ferner hervor, daß britische Stellen es vorzogen, mit kapitulationsbereit&än Noziführern und Naziagenten zu verhandeln, gleichzeitig aller- dings Funkkontakt mit einzelnen Vertretern der Widerstandsbewegung in Deutschland aufrecht erhielten. Ein in London vorliegendes Geheimprotokoll aus jener Ze't geht von der Voraussetzung aus, daß die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu- mindest in Westdeutschland durch die nationalsozialitischen Behörden besser garan- tiert werden könne, als durch neugewählte Volksvertreter, die erst nach der„stür- mischen Beseitigung’ der Naziexekutive ihre Machtbefugnisse ausüben könnten.
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