Druckschrift 
Die Stimme des anderen Deutschland : [dieses Buch soll vom Wesen des deutschen Widerstandes einen Eindruck vermitteln, an seiner Zusammenstellung wirkten zahlreiche Angehörige der deutschen Widerstandsbewegung mit] / [Hrsg. VVN]
Entstehung
Seite
110
Einzelbild herunterladen

Das letzte Kapitel

Eine Nacht im Grunewald

Sozialdemokraten am 28. Juli

Im Sommer 1943 wurde ich von meinem Freunde, Dr, Karl Mierendorff, der die Seele der Widerstandsbewegung vom 20. Juli war und Verhandlungen nach allen. Seiten führte, in das Unternehmen eingeweiht. Diese Bewegung bestand, wie ich erst später erfuhr, aus drei Zweigen: den Mili- tärs, der politischen und der gewerkschaftlichen Gruppe. Die Gewerkschaftsgruppe hatte ihre Kreise nach Westdeutschland gezogen. So wurde ich eines Tages von meinen Freunden plötzlich nach Bochum gerufen. Dort wurde im engen Kreis ein fertiger Plan vorgetragen, der, wie sich später zeigte, im großen und ganzen mit der Berliner Aktion übereinstimmte. Dabei wurden Namen wie Leuschner, Gördeler, etc. offen genannt. Ich war entsetzt, denn selbst bei unseren Unterhaltungen in Berlin wurden Namen grundsätzlich nicht genannt. Jeder kannte außer dem eigenen Freundeskreis nur Vorder- und Hintermann. Sollte es sich da um ein Gestapomanö- ver handeln, dem die Freunde auf den Leim gegangen waren? Jedenfalls war mir die Sache unheimlich und ich fuhr sofort nach Berlin und ließ durch Mierendorff Leuschner warnen, Die Verbindung mit Gördeler hatte man mir bis dahin ver- schwiegen, weil man fürchtete, daß ich dafür nicht gewonnen würde. Ende November 1943 wurde ich dringend nach Berlin gerufen. Karl Mierendorff empfingmich schon ungeduldig wartend in seiner Berliner Wohnung. Es war Abend und gerade Alarm. Zwei Fahrräder standen bereit, und wir fuhren sofort in den Grunewald. ‚Wir müssen heute. Nacht mit Leber klar werden, erklärte mir Mieren- dorff sozusagen vor der Haustür. Dr. Leber und ich waren aus der Weimarer Zeit wegen Wehrfragen alte Gegner. Mierendorff hatte genau kalkuliert, daß ich in dem Moment nicht mehr abiehnen konnte. So wurden beide, Leber und ich, über- rumpelt. Aber was bedeutete das angesichts der gemeinsamen Interessen gegen- über dem Verbrecherregime!\ Leber hatte die Fäden nach der militärischen Seite hin in der Hand. Von seinen Verhandlungen mit Stauffenberg(ohne daß er den Namen nannte) war er sehr beeindruckt. Es gab eine scharfe Debatte. Ich konnte nicht daran glauben, daß die Generale die Chancen verpaßt hatten, doch noch losschlagen würden.Der Kreis ist zu groß und die Nazis werden eines Tages uns allen die Köpfe abschla- gen, worauf Leber wie Mierendorff mir erklärten, daß, wenn schon durch den Aufstand weitere Luftangriffe auf Berlin verhindert würden, wir das, von allem anderen abgesehen, in Kauf nehmen müßten, Ich vertrat dagegen den Standpunkt, den Krieg bis zur Katastrophe sich totlaufen zu lassen, einmal weil ich zum Gelingen eines Militärputsches kein Vertrauen hatte; dann aber auch, weil mir es für die Nachkriegszeit wichtig erschien, nicht erneut mit dem Odium des Dolch- stoßes belastet zu sein. Nur wenn Garantien geschaffen würden, daß die schwäch- liche Haltung der Weimarer Zeit sich nicht wiederholte, würden wir damit fertig werden. Ich war der irrigen Auffassung, daß der Anschauungsunterricht der letzten Kriegsmonate mit seinen Schrecken und Ruinen das deutsche Volk derart läutern würde, daß es vom Nationalsozialismus gründlich geheilt sein werde. Also mir war ein Bündnis mit den oppositionellen Militärs vom Schlage eines Stauffenberg und Graf Moltke, die für durchgreifende soziale Reformen eintraten, sympathischer. Aber der Plan lag schon in allen Einzelheiten fest, Programm und Aufruf waren bereits formuliert. in dieser Nacht gestand mir auch Leber, der als Reichsinnenminister vorgesehen war, daß die Unterrichtung einiger westdeutscher Freunde über die Gewerkschaftsgruppe erfolgt sein müsse und daß auch die Gördeler-Gruppe in der Aktion eingeschlossen sel, Es war gegen Morgen, als wir uns schlafen legten. Mir war nicht wohl. Der Kreis war mir zu groß. Ich hatte mich deshalb wohl für die Aktion, sonst aber nur bedingt bereit erklärt und dementsprechend auch jede beamtete Stellung abgelehnt. Bereits früher hatte ich ein Ministerium zum Aburteilen aller Naziverbrechen und Nochprüfen aller Sondergerichtsaktionen gefordert. Ein solches Ministerium war obgelehnt worden. Aber es sollte ein dem Innenministerium direkt unterstelltes Reichskommissariat mit dieser Aufgabe betraut werden. Die Uebernahme dieses Kommissariats sagte ich zu. Außerdem erhielt ich den Auftrag, mit Dr. Schumacher, der in Hannover leben sollte, Verbindung aufzunehmen.

Fritz Küster

110