Warum lebt ihr noch?
„Warum lebt ihr eigentlich noch?“ Diese Frage wurde uns alten Po⸗ litischen“ im Konzentrationslager des öfteren von der SS gestellt. Sie konnten es einfach nicht begreifen, daß wir in all den langen Jahren unserer Haft noch nicht den Weg„durch die Feueresse geflogen“ waren. Sie sagten, wenn sie gute Laune hatten:„Ihr Roten baltet zusammen wie Pech und Schwefel! Ihr steckt alle unter einer Decke!“
Damit hatten sie gar nicht so unrecht, aber die wahren Zusammenbänge blieben ihnen doch— Gott sei Dank!— verborgen.
Unser Geheimnis war unsere Solidarität, unsere unverbrüchliche Kame⸗ radschaft, unser Gemeinschaftsgeist und der feste. unerschütterliche Glaube an die Zukunft. Wir fühlten uns immer als eine Familie, und einer bielt schützend die Hand über den anderen. Wir lernten alle Genossen, die neu ins Lager kamen, sofort kennen, konnten sie gleich erfassen und über die schwere Anfangszeit hinwegbringen. Später konnten sie dann schon selbständig „laufen“ und nur, wenn es ihnen allzu schwer fiel. griffen wir ihnen, wo wir konnten, unter die Arme. Wie oft haben wir Genossen, die in die Straf⸗ kompanie versetzt werden sollten oder von der SS besonders scharf unter die Lupe zu nehmen waren, einfach untertauchen lassen, sie entweder auf ein gutes Außenkommando— was es manchmal auch gab— gesandt oder sie einfach versteckt. Dabei achteten wir niemals die Gefahr, die uns dabei selbst drohte. Wir hatten es verstanden. die Hauptfunktionen des Lagers in der Hand zu halten, als da waren: Schreibstube. Krankenbau, Küche und Ver⸗ waltung. Auch hatten wir ein engmaschiges Nachrichtennetz über das ganze Lager gezogen, und es gab nichts, was unseren scharfen Augen entging. Wir politischen Gefangenen in Sachsenhausen waren„schwer auf Draht“!—
Rege Diskussionen untereinander— in aller Heimlichkeit natürlich!— und der Glaube an unsere Idee gaben uns Politischen die Kraft, auch die schwerste Zeit in den Zwingburgen Hitlers durchzuhalten. Es gab keine Ge⸗ fahr. die uns schreckte, keine Schwierigkeit. die wir nicht meisterten, wenn es galt. einen Genossen, der in Gefahr war, zu schützen. Der Gedanke. der uns von früh bis abends bewegte, der noch im Einschlafen unser letzter war: Wir müssen am Leben bleiben, aushalten, bis die Faschisten mit ihrer Kunst am Ende sind. Wir wurden zünftige Lagerhasen. die keiner für dumm kaufen konnte. Selbst den ausgesuchtesten Exemplaren der Faschisten, den aus⸗ gekochtesten SS- Mördern haben wir so manches Schnippchen geschlagen und ihnen viele Opfer entrissen. Wie haben wir die drel Lagerkommandanten Weißenborn. Eisfeld und Baranowski Überlistet und— Überlebt! Waren ste doch alle drei Mörder großen Formats. Gewiß, wir wollen niemals ver⸗ gessen. wie oft auch sie uns besiegt haben— unsere vielen, vielen Opfer mahnen uns. Wir werden sie nie vergessen!
Paul Schulze. Dresden.
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