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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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waren Es hieß das Todesloch. Es war jene Stelle, wo das Stacheldraht⸗ verhau eine Lücke aufwies, durch die man den Weg in die Freiheit fand.

Hier blieb er nun stehen. erschöpft, verzweifelt, am ganzen Körper zitternd, blickte auf den Posten, der Posten blickte auf ihn, und wir alle wußten Be⸗ scheid. Jetzt war es so weit!

Langsam schleppte sich der Gefangene nach dem Loche. Langsam, gemäch⸗ lich kam der Wachtposten näher, klopfte in aller Rube seine Tabakpfeife aus, nahm lässig das Gewehr von der Schulter und wartete, bis der Gefangene vor dem Fluchtloch stand.

Mach schnell, Alter! Ich habe heute wenig Zeit! rief der Posten. wenn er gut gelaunt war, dem Selbstmordkandidaten zu.

Wir alle hielten den Atem an und blickten wie hypnotistert auf die nun folgende Szene.

Noch ein, zwei Schritte torkelte der Gefangene dahin. dann veitschte der Schuß durch die Luft. Der Gefangene stürzte, zu Tode getroffen, zu Boden. der SS⸗Mann bing wieder gleichmütig sein Gewehr um, stopfte fich die Pfeife und rief uns lakonisch zu:Weitermachen! sonst setzt es diebe!

Weiter ging es nun in gleichem Schritt und Tritt, die Augen der Ge⸗ fangenen suchten schon wieder nach dem, der morgen an der Reihe war. Der SS⸗Mann erstattete später im Lager Bericht.Auf der Flucht erschossen! war die kurze Meldung an den Vorgesetzten. Die Vorgesetzten wußten Be⸗ scheid, wieder wurde ein Gefangener Hitlers aus dem Buche des Lebens gestrichen.

Als in den letzten Tagen der zerfallenden Naziherrschaft die Sowjet⸗ armeen und amerikanischen Truppen dem Lager bedenklich nabe rückten. war man in der sogenannten politischen Abteilung des Lagers fieberhaft bemüht. die Spuren der begangenen Verbrechen zu vernichten.

Umfangreiches Aktenmaterial wurde verbrannt. Bis in die tiefe Nacht binein loderten am Rande des Lagers die Feuer Es kam vor, wenn der Wind günstig stand und der Sog der Flammen zu uns berllberschlug, daß solche angekohlten Aktenstücke in unsere Hände fielen.

Es waren Dokumente Ermordeter. Vorgedruckte Formulare. an die Reichsführung SS gerichtet mit der Überschrift:Erschießung auf der Flucht. Sechzig solche vorgedruckte Formulare fielen uns in die dände. Darunter der mit Schreibmaschine geschriebene Absatzvon einer näheren Untersuchung sei Abstand zu nehmen, da der Schütze Sowieso in Ausübung seines Dienstes seine Pflicht erfüllt und pflichtgemäß von der Schußwaffe Gebrauch gemacht bätte.

Hans Richter, Dresden.

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