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Von Auschwitz nach Mauthausen
Als am 12. Januar 1945 die Rote Armee vom Brückenkopf Baranow zur großen Winteroffensive antrat, da wußten wir Gefangenen im Konzen⸗ trationslager Auschwitz, daß es bald etwas geben würde. Als der OKW.⸗ Bericht einige Tage später von einer Verlagerung der Kämpfe in den Raum von Krakau sprach, war an dem Verhalten der SS zu merken, daß sie mit uns etwas vorhatten.
Am 18. Januar bieß es auf einmal: Jetzt gebt es ab! Von diesem Tasse
an begann ein Leidensweg für uns Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwib, wie er in seinem Ausmaß bisber noch keine Vorbilder hatte. Abends bekam jeder Häftling ein Stück Brot und eine Kleinigkeit Marga⸗ rine. Dann wurden wir zu Gruppen zusammengestellt, aus den Gruppen formierten sich Züge, die Züge wurden eine endlose Kette von Menschen. Auf Motor⸗ und Fahrrädern umschwärmte uns, von Hunden begleitet, die schwerbewaffnete SS. Ununterbrochen schallte der Ruf:„Lebhaft, lebhaft!“
Es war eine kalte Winternacht, der Schnee lag kniehoch und der Wind blies seine eisige Melodie. Wir hatten nur unseren dünnen, fadenscheinigen „Zebraanzug“ an, höchstens noch einen verdreckten, verschmutzten Lappen, der ehedem ein Hemd war, keine Unterhose, keine Strümpfe: barfuß zogen wir in Holzschuhen weiter.
Straße des Todes
Nur mühsam konnten wir uns durch den einsetzenden Schneesturm und Eishagel einen Weg bahnen. Bei den schwachen Gefangenen zeigten sich sehr bald die ersten Ermüdungserscheinungen. Wer nicht weiter konnte und aus der Reihe der Marschierenden herausfiel, bekam den Fangschuß von der SS, und wir mußten ihn in den Straßengraben werfen. Lebend— so hieß der
Befehl— durfte keiner zurückgelassen werden. Dieser Leidensweg der Ge⸗
fangenen gestaltete sich zu einem wahren Schützenfest. Vor uns marschierten in einer endlosen Kolonne die weiblichen Gefangenen des Lagers. Bald sahen wir auch schon die ersten Frauenleichen im Straßengraben liegen. Uns packte ohnmächtiger Zorn und grauenhafte Wut.
„Zusammenreißen!“— hieß die Parole,—„eng aufschließen! Nicht aus der Reihe treten und nicht umfallen!“ Wir wußten, daß der Tag der Frei⸗ beit nicht mehr weit sein konnte.
Wir gaben acht auf die Genossen, daß keiner von ihnen schwach wurde und allein zurückblieb. Konnte einer nicht mehr weiter, so legten wir seine Arme um unsere Schultern und schleiften ihn so mit über die Straße.
Nach zwei uns endlos erscheinenden Tagesmärschen erreichten wir Loslau. Hier wurden wir in bereitstehende Kohlenwaggons verladen. Die SS be⸗ setzte die Stirnwände der Wagen und paßte, mit schußbereiter Maschinen⸗ pistole in der Hand, auf, daß keiner der Gefangenen den Kopf über die Bretterwand hob.„Sonst knallt es!“ Das Konzentrationslager Groß⸗Rosen war unser erstes Ziel.
Das Lager war überfüllt. Die Baracken, die wir beziehen mußten, waren erst zum Teil fertiggestellt, noch mit Baumaterial vollgepfropft und sebr schmutz ig.
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