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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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Wir begannen mit dem Ausräumen der Baracken und dann mußten wir zu tausend Mann jeweils in eine solche Baracke ziehen. Das Essen war bier unter aller Beschreibung, nur Wasser und Rüben. Wir sollten langsam ver⸗ hungern. Das gehörte mit zur Liquidierungsvpoltftik der Lagerleitung, denn je weniger Häftlinge übrig blieben, um so weniger brauchte man zu evakuieren.

Auch war die SS nicht mehr in der Lage. Verpflegung heranzubringen. Unser sogenanntes Mittagessen bekamen wir manchmal erst in der Nacht. und dann war die Brühe eiskalt, mitunter sogar in der Essenschüssel ge⸗ froren. Der Hunger brachte ein Massensterben.

Nun ging die Ss dazu über, die Verpflegung nach Art der Strafen aus⸗ zuteilen. Zuerst bekamen die Berufsverbrecher. dann wirPolitischen, die Juden bekamen gar nichts.

Ein Glück für uns, daß die Rote Armee so schnell vorrückte. Aber man wollte nicht, daß wir in die Hände unserer Befreier fallen. noch nichtl

Wie Schlachtvieh auf den vereisten Straßen

Also hieß es: weitertransportieren! Der Kanonendonner war bereits aus nächster Nähe zu hören, die Straßen waren von evakuierten Flüchtlingen überfüllt, die SS trieb uns wie Schlachtvieh auf den vereisten Straßen vor sich her.

Erneut wurden wir in Kohlenwaggons verladen. Als unser Wagen so voll war, daß keine Stecknadel mehr zum Erdboden fallen konnte, warf man uns noch sechzig weibliche Gefangene hinein, die auf dem Marsche zurück⸗ geblieben waren Nun begann eine sechstägige grauenhafte Todesfahrt.

Wie mag das enden? dachten wir erschauernd. Wer sich im Wagen nicht mehr auf den Beinen halten konnte, wurde einfach von den anderen zertreten. WirPolitischen standen enganeinander gedrängt in einer Eckes des Wagens und hielten uns umschlungen. Einer begann leise dieInter⸗ nationale zu brummen, wir anderen stimmten vorsichtig mit ein.Brüder. zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor!... So bielten wir uns aufrecht.

Schon nach wenigen Stunden batten wir die ersten Toten. Es blieb nichts anderes übrig, als sie während der Fahrt aus dem Wagen zu werfen. Wir brauchten Platz wenn wir nicht selbst vor die Hunde gehen wollten.

Endlich kamen wir nachts in Weimar an. Es hieß, das Lager Buchen⸗ wald könne uns nicht aufnehmen. da es total überfüllt sei. Also ging es weiter. Unser nächstes Ziel war jetzt Mauthausen. Von Weimar nach Nürn⸗ berg regnete es ununterbrochen, und wir waren in offenen Waggons unter⸗ gebracht In Nürnberg gab es endlich ein Stückchen Brot. Wie die Hyänen stürzten wir uns darüber Als wir endlich nach Tagen in Mauthausen an⸗ kamen. glichen wir Skeletten. Jetzt begann noch der Fußmarsch nach dem Lager hinauf Wir schleppten uns drei Stunden auf der steinigen Straße. Viele blieben hier liegen und verendeten im Graben. Von meinen Mit⸗ gefangenen wir waren bei der Abfahrt hundertzwanzig Mann im Waggon blieben nur noch fünfzig übrig. Von diesen fünfzig gelang es nur zehn Mann, die so heiß ersehnte Befreiungsstunde zu erleben.

Fritz Klein, Dresden.

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