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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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glückliche Frau. Kinder oder Eltern haben könnte, die sehnlichst auf seine Rückkehr warten! Er ist ja nur ein Häftling Freiwild den jeder SS⸗Angehörige über den Haufen schießen darf.

Gellende Rufe hallen durch die Haufen der Häftlinge. Rufe, die dem Neuling und Neueingeweihten ans Herz greifen und zutiefst erschüttern. Die Rufe:Leichenträger, Leichenträger! bringen manchen der Gefangenen zur Raserei, den anderen zur stillen Resignation, den dritten zum Fatalis⸗ mus: denn alle sind überzeugt, daß dieser gräßliche Ruf vielleicht auch ein⸗ mal erschallen wird, wenn sie selbst von der SS-Bande zur Strecke gebracht und als bilfloses Bündel daliegen werden. Der satanische RufLeichen⸗ träger alarmiert die beiden für den Transport von Leichen abgestellten Häftlinge, die im Häftlingskrankenbau untergebracht sind und den Trans⸗ port der Toten vom Krankenbau oder von der Erschießungsstätte bis zum Krematorium zu besorgen haben.

Zur besonderen Erbauung der SS und als abschreckendes Beispiel für die Häftlinge wird die Leiche des Erschossenen abends im Lager zur Schau gestellt. Der ausgemergelte Körper ist ganz entkleidet. Auf der Brust und dem Leib sieht man kleine blutige Punkte, die Schädelbasis ist völlig de⸗ formiert, durch das Tuch der Tragbahre sickert immer noch langsam das Blut und bildet eine rote Lache, die von Fliegen besetzt ist. Der Komman⸗ dant, persönlicher Freund Adolf Hitlers, allen Häftlingen unter dem Namen Vierkant in Erinnerung, tritt vor die schräggestellte Bahre und befiehlt, alle Zugänge der letzten 14 Tage vortreten zu lassen. Eine größere Anzahl von Häftlingen, denen das alles noch fremd ist, treten vor dem Komman⸗ danten an und warten der Dinge, die da kommen. Ihre Gesichter sind blaß und erwartungsvoll auf dieses Vieh in der strotzenden Uniform gerichtet: denn wenn Vierkant selbst da ist, dann wittern alle Unheil, dann ist bestimmt etwas zu erwarten. Seine krähende Stimme bört man durch den Groß⸗ lautsprecher:Häftlinge, berhören! Sie sehen hier den Häftling M. M. Sein ruchloses Vorhaben ist ihm nicht geglückt; denn meine Jungs waren wach. Er ist nicht von der SS ermordet oder erschlagen worden. sondern er wurde auf der Flucht erschossen. Ja, so geht es euch allen, wenn ihr versucht, zu türmen. Meine Jungs schießen wie die Wilddiebe. Der Schuß kracht, der Lump fällt, der Bart ist ab. Adele. Das ist die Leichenrede für einen er⸗ mordeten Menschen. In weiter Ferne schluchzt vielleicht in diesem Augen⸗ blick ein armes Mütterlein um ihren Sohn, vielleicht fragen aber auch Kinder ihre Mutter, wo der Vater ist, ein kleines Mädel denkt an ihren Liebsten. mit dem auch sie einige Tage in Sonne und Freude verleben möchte. Er kehrt niemals wieder, er starb als Häftling im Konzentrations⸗

lager gemordet von den Henkern Himmlers. Willi Michalsti. Dresden.

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