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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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Medizinische Versuche

Alles bat der Faschismus für seine Zwecke mißbraucht, auch die wissen⸗ schaftliche Forschungsarbeit. Bisber wurden die medizinischen Versuche zu⸗ meist an Tieren durchgeführt, so blieb es den SS⸗Arzten als ersten vorbehal⸗ ten, diese Versuche in größtem Maßstabe an Menschen durchzuführen.

Die Insassen der Lager waren dafür gerade gut genug.

Ende des Jahres 1942 bekam der Lagerarzt des Konzentrationslagers Sachsenhausen von seiner vorgesetzten Dienststelle in Berlin den Befehl, Versuche mit Giftgas. insbesondere deren Einwirkung auf den menschlichen Organismus, an lebenden Versuchsobjekten durchzuführen. In dem Befehl bieß es u. a.:Geheim!.... wollen Sie bitte Ibre diesbezüglichen Er⸗ fahrungen aus den Versuchen schnellstmöglich. übermitteln.... sich mit dem Lagerkommandanten ins Einvernehmen setzen. daß genügend Men⸗ schenmaterial für die Versuche zur Verfügung gestellt wird dabei größte Verschwiegenbeit im ganzen Lager bewahren.. die Angelegen⸗ beit ist besonders vordringlich und entscheidend kriegswichtig beson⸗ ders eilig(das letzte war dreimal rot unterstrichen).

Der Lagerarzt. SS⸗Untersturmführer Doktor Schmitz. ging also prompt ans Werk und suchte sich seine Opfer aus der chirurgischen Abteilung des Lagers. Nationalität und Alter spielten, wie immer, keine Rolle. Auf diese Weise wurden eine ganze Reihe Deutscher, Russen. Polen. Franzosen usw., die an Lagerkrankheiten litten, zu Versuchszweckenbehandelt. Lager⸗ krantheiten waren insbesondere Furunkulose, davon gab es sehr schlimme Fälle, Bartflechten. die die damit Behafteten zur Verzweiflung treiben konnten, Phlegmonen mit Seypsis, schwere Knochenbrüche, Hieb⸗ und Stich⸗ verletzungen, Riß⸗ und Bißwunden, hervorgerufen durch das Hetzen von Hunden auf die Häftlinge. Schädelbrüche. Rippenbrüche aller Art, Hoden⸗ und Leistenbrüche, Mastdarmvorfälle. Lähmungen der Arm⸗ und Rücken⸗ muskulatur, durch das stundenlange Aufhängen der Häftlinge mit zurück⸗ gebogenen Armen bervorgerufen. Skrufulose, Fleckfieber. Malaria,. Typhus. Ruhr, Erfrierungen meist dritten Grades usw.

Diesen ahnungslosen Opfern wurde nun erklärt, daß ihnen ärztliche Hilfe zuteil werden sollte. Wie sah aber diese Hilfe aus? Man brachte die Kranken in den Operationssaal, legte sie auf den Tisch und der Herr Unter⸗ sturmführer ging mit anderenKollegen frisch ans Werk. Bei jedem Opfer wurde ein zehn⸗ bis fünfzehn Zentimeter langer und bis zum Knochen tiefer Einschnitt ins Bein gemacht. Dahinein wurde mit Giftgas präparierte Holzwolle gesteckt und die Wunde dann wieder zugenäht. Diese Füllungen wurden in Zeitabständen bis zu drei Tagen wieder herausgenommen. Mei⸗ stens war dann nicht nur der Unterschenkel. sondern auch der Oberschenkel infiziert. in vielen Fällen war der ganze Körper dick angeschwollen und blau angelaufen. Die als Gegenmittel angewendeten Medikamente blieben fast in allen Fällen obne Erfolg. so daß die meisten Opfer unter schwersten Qualen und Schmerzen nach Wochen ihr Leben aushauchten.

Jeder tote Häftling wurde seziert. Manchmal aber waren bis zu 50 Todesfälle im Lager so daß die Arzte kaum nachkamen. Vielfach blieben die geöffneten Leichen tagelang liegen.