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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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prämien för die Mörder

Es ist nicht der Zweck der Schutzhaft, die Häftlinge zu vernichten, son⸗ dern sie in den Arbeitsprozeß zum Segen der Menschheit einzureihen.

Vor den schwarzen Anschlagbrettern in den Baracken des Konzentrations⸗ lagers Sachsenhausen drängen sich Männer jeden Alters, jeder Größe, blond. schwarz, braun. Ihre Gesichter sind mager, bleich und übermüdet. Haben sie doch einen schweren Arbeitstag hinter sich. In jedem Augenblick ist ihnen heute und in den verflossenen Tagen gesagt worden, daß sie der Ausschuß der Menschheit, die Kloake Deutschlands sind. Und heute? Man will sie zum Segen der Menschheit in den Arbeitsprozeß einreihen. Ist das denkbar? Ist es etwa gar ein Segen, wenn diese Arbeitssklaven freiwillig durch die Postenkette der SS gehen, um durch einen Schuß gewaltsam dieses Dasein von sich zu werfen? O ja, es ist schon ein Segen um das beendete Leben eines Häftlings im Konzentrationslager. Der glückliche Schütze aus den Reihen der SS erhält als Belohnung für sein gutes Schießen 10 Mark Geldprämie und drei Tage Urlaub, die er mit seinem Mädel im Freien, in der Sonne verbringen kann. Spielerisch greift er immer wieder an den Sicherungsflügel des Gewehres!

Kommt denn das Schwein immer noch nicht? Er hat es doch heute früh mit dem Vorarbeiter beredet, daß er ibm einen solchen Speckjäger durch die Postenketten treiben wird.

Da, sieh! Eine Gestalt, über und über blutend, kommt auf ihn zu, be⸗

achtet ihn fast nicht, bleibt vor dem Todesstrich stehen, sieht sich nach allen

Richtungen um, und nur ganz zögernd, ach, wie werden diese paar Schritte schwer, schreitet er weiter, auf ein Ziel zu, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Der SS⸗Mann, plötzlich vor die vollendete Tatsache gestellt, zuckt nicht mit der Wimper. Drei Tage Ruhe, die Geldprämie und alle anderen An⸗ nehmlichkeiten steben vor seinen Augen. Langsam, wie ein schleichendes Tier, bewegt er sich vorwärts. Nimmt langsam das Gewehr vom Rücken. als wollte er sein Opfer nicht verscheuchen. Da durchpeitscht der Knall eines Schusses die Stille, der Rauch verweht nur träge. Ruhig, als ginge ihn alles nichts an. liegt der Erschossene. Da. regt er sich nicht noch? Doch, er ist noch nicht tot! Bedächtig, mit langen Schritten, gebt der Posten auf und ab. Ihn interessiert nicht der Tote, nur seine drei Tage Urlaub stehen vor seinen Augen. Plötzlich, als hätte er einen vergessenen Befehl nachzuholen, reißt er das Gewehr hoch, und Schuß auf Schuß veitscht auf den leblosen Körper. In dieser Mordbestie regt sich kein Gedanke, daß der Ermordete vielleicht auch in weiter Ferne ein Mädel hat, mit dem er gern drei Tage in Sonne und Freude verbringen möchte. Er denkt nicht darüber nach, daß der Un⸗

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