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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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Ich habe den Häftling D. vor einer Stunde davon unkerrichtek, daß sein elendes Leben um 6 Uhr ausgelöscht wird. Bringen Sie das Schwein her!

Hinter einer Baracke, die den Todeskandidaten den Blicken aller ent⸗ zogen hat, tritt eine kleine Gruppe von SS⸗Leuten bervor. In ihrer Mitte zwei Häftlinge. Blaß und abgemagert sehen beide aus. Der kleinere von ihnen hat die Hände mit Stahlfesseln auf dem Rücken geschlossen. Der größere, sein Bruder, führt ihn am Arm zum letzten Gang. Langsam, ohne sich umzusehen, folgen beide den Henkern, die vor der Holzplanke stehen bleiben. Das Gesicht starr gegen die Holzwand gerichtet, steht der Gefesselte da. Ruhig, als ginge ihn das alles wenig an. Der Bruder ist einige Schritte zur Seite getreten und steht neben dem schwarzen Kasten, dessen Deckel auf der Erde liegt, und sieht zur Seite. Alle wissen, daß es nur noch Sekunden sind, bis auch dieses junge Menschenleben von dieser Horde, die mit dem Gewehr bereitsteht, ausgelöscht wird. Vierkants massige Gestalt geht auf den Deliquenten zu und schreit ihn an, er möge sich umdrehen, damit seine dreckige Jehovavisage zu sehen sei. D. tut, als verstehe er nichts. er reagiert auf die Stimme dieses Tieres überhaupt nicht mehr. Ganz lang⸗ sam, als wolle er die qualvollen Minuten um einige Sekunden verlängern, dreht der Todgeweihte seinen Kopf, und laut vernehmlich sagt er kurz: Nein!

Dann kannst du mit der Schnauze an der Bretterwand krepieren! schreit Vierkant in höchstem Zorn. Sein Adjutant und späterer Komman⸗ dant des Lagers in Auschwitz, SS⸗Hauptsturmführer Heß, bekannt durch be⸗ sondere Grausamkeit, stellt sich an die Seite der sechs mit Gewehren aus⸗ gerüsteten SS⸗Strolche. Ein kurzes Kommando, die Gewehre fliegen hoch. Ein zweites Kommando, die Salve kracht, und D. sinkt langsam mit dem Gesicht an die Bretterwand. Ruhig liegt die Leiche auf dem Erdboden. Heß tritt auf D. zu, die Pistole in der Hand, und feuert auf den Kopf des Er⸗ mordeten. Totenstille liegt auf dem weiten Platz. Der Pulverdampf verzieht sich. Manches Auge steht voll Tränen, viele Fäuste ballen sich in der Gewiß⸗ heit, daß auch allen anderen ein solches Ende bevorstehen kann. Vierkant

hat den Schlüssel zu den Fesseln des Ermordeten in der Hand und wirft

nun diesen dem Bruder vor die Füße.Mache das Schwein frei! Die Fesseln werden dem Toten abgenommen. Einige Häftlinge müssen die Leiche in den schwarzen Kasten legen, und langsam, als zähle er jeden Schlag, nagelt der lebende Bruder das Totengemach des ermordeten Lieben zu. Dumpf hallen die Schläge über den immer noch totenstill daliegenden Platz und wecken einen grausigen Widerhall in den Herzen der ergriffenen Zu⸗ schauer. Den letzten Liebesdienst erweist der Lebende dem Toten, indem er selbst mit drei anderen Kameraden den schwarzen Kasten nach dem Krema⸗ torlum trägt.

Einige Zeit später erschien imVölkischen Beobachter die kurze Notiz, daß der zur gefährlichen internationalen Sekte der Bibelforscher gehörige August D. erschossen wurde. Welche Gefühle mögen wohl die Schüsse im Konzentrationslager Sachsenhausen bei der Frau, den Eltern und den anderen Bibelforschern der ganzen Welt ausgelöst haben? Mit Sicherbeit ist anzunehmen, daß die Welt die Henkerstat Hitlers mit Abscheu und Ver⸗ achtung zur Kenntnis genommen bat.

Willi Michalski, Dresden,

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