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Offentliche Hinrichtung
„M., sorgen Sie dafür, daß um 5 Uhr nachmittags das Mikrophon an die Lautsprecheranlage des Appellplatzes angebracht wird!“„Jawohl, Herr Kommandant!“ war die Antwort auf diesen Befehl. Wozu sollten die Groß⸗ lautsprecher in Betrieb gesetzt werden? Sollten alle Häftlinge sich wieder einmal eine Rede von Göring anhören? Möglich! Aber unbestimmt. Vor der großen Blumenrabatte, die den Abschluß des Appellplatzes bildet, hebt lebhaftes Treiben an. Zimmerer fahren Holzbohlen und Bretter herbei. Sehr geschwind sind zwei Pfähle in die Erde gerammt, an die die Bretter genagelt werden. Das Ganze sieht aus wie eine riesige Anschlagfläche. In gewaltigen Kolonnen ziehen die Arbeitsgruppen durch das Haupttor in das Lager. Aller Augen sind auf das Brett gerichtet, denn es ist etwas Neues in dem grauen Einerlei des Konzentrationslagers. Aber was kann es nur sein? Vermutungen werden geflüstert, Behauptungen aufgestellt, aber nie⸗ mand weiß etwas Genaues. Plötzlich ein Knacken im Lautsprecher. Aller Augen wandern dorthin, denn jetzt wird die Spannung gebrochen werden. Und welches Bild zeigt sich sonst gegenüber dem täglichen Einerlei? Die Wachen der SS sind vierfach stärker als sonst. Von den Maschinengewehren, die sonst mit dem Überzug verdeckt sind, wurden diese entfernt. Der Muni⸗ tionsgurt ist in die Waffe eingeführt und klar zum sofortigen Einsatz. Auf der Mauer sitzen die SS⸗Leute in Erwartung der kommenden Dinge in einer so großen Anzahl, daß man glaubt, die ganze Truppe sei zu diesem blutigen Schauspiel kommandiert. Am Haupttor, das aus starken Rundeisenstäben gefertigt ist, stehen und hängen die sensationslüsternen Ss-Leute wie eine Traube. Einige sind auf die Quertraversen gestiegen, um alles besser sehen zu können. Neugierde, ja Blutdurst und auch einiges Grauen mag bei diesen Schaulustigen zu entdecken sein, denn sie wissen ja, was in einigen Minuten vor sich gehen wird.
Das bekannte Knacken in den Lautsprechern ist zu hören, Vierkants eklige Stimme ertönt:„Häftlinge, herhören!“ Lautlose Stille tritt ein. Das kurze, asthmatische Schnaufen dieses Scheusals ist zu vernehmen. Darauf fährt er fort:„Am 5. September d. J. ist der Häftling Bibelforscher August Dickmann zu der politischen Abteilung des Lagers bestellt worden, um seinen Wehrpaß zu unterschreiben.
In Verkennung der politischen Lage des Reiches und des bestehenden Kriegszustandes hat D. die Unterschrift trotz nachdrücklichsten Hinweises nicht vollzogen. Er gab weiter zu Protokoll, daß er niemals Soldat werden kann und auch niemals im Kriege Menschen töten wird, da Jehova den Krieg nicht geheiligt und befohlen habe. Ferner erklärte er, daß er Adolf Hitler nicht als den Führer des deutschen Volkes anerkenne, denn Adolf Hitler sei die personifizierte Bosheit und ein Werkzeug Satans. Auf die Folgen dieses Verhaltens aufmerksam gemacht, erklärte D., daß er bereit sei, die Folgen zu tragen. Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei babe daher seine Erschießung vor dem versammelten Lager angeordnet.“
Totenstille liegt auf dem weiten Felde. Bleiche Gesichter starren sich an. Ist es schon so weit mit diesen Untermenschen, daß sie aus Mord eine Sen⸗ sationsangelegenheit machen? Wieder ertönt das unangenehme Organ des sattgefressenen Bonzen. 5
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