Druckschrift 
Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
Seite
20
Einzelbild herunterladen

hier gleich. Haben wir schon wenig zu essen die Kranken bekommen nur die Hälfte, weil sie keine Arbeit leisten.

Hier ist eine mörderische Luft es stinkt nach verfaultem Fleisch und Eiter, viele machen in die Betten. Der Urin läuft durch die Bretter den unteren ins Gesicht. Niemand ist verbunden, der Eiter läuft auf die Betten. Die Betten sind vollständig verlaust und verdreckt. Wird ein Platz leer, dann kommt sofort ein anderer hinein. Medikamente gibt es keine.

Gibt es denn keine Hilfe? Ansere Besten gehen hier elendiglich zugrunde. Schwere Bombenflugzeuge überfliegen jeden Tag zu Hunderten das Lager. Werfen hin und wieder Bomben, aber niemals ins Lager. Sie wissen, daß wir hier sind und von ihnen die Freiheit, aber nicht den Tod erwarten. Tiefflieger greifen unser Lager an und beschießen mit Bordwaffen die Ba⸗ racken der SS.

Wir wissen, daß die Rote Armee und die amerikanischen Truppen den größten Teil Deutschlands schon besetzt haben und daß die Rote Armee in das österreichische Gebiet eingedrungen ist. Warum legen die deutschen Sol⸗ daten nicht die Waffen nieder? Warum drehen sie die Gewehre nicht um gegen ihre und unsere Peiniger? Es können doch nicht alle ehemaligen organisierten Arbeiter Nazis geworden sein! Wir geben die Hoffnung nicht auf. Einmal muß die Stunde der Freiheit auch für uns kommen. Es ver⸗ gehen noch Wochen der Qual. Aber die Rote Armee rückt immer näher, und unsere Hoffnung steigt, daß wir eines Tages eingekreist sein werden und daß sie uns nicht noch einmal verschleppen können.

Der Lagerführer und die SS werden mit jedem Tag nervöser. Die SS⸗ Posten haben freundliche Worte für uns und schimpfen zum Teil auf ihre Führung. Andere wieder sagen:Jetzt sind wir noch da noch bestimmen wir glaubt ja nicht, daß ihr schon was zu sagen habt.... ihr kommt nicht wieder aus dem Lager!

Was ist das? Wir hören entferntes Artilleriefeuer. Die Front kommt immer näher.

In alle Stollen sind links und rechts kleine Seitenstollen von 12 Meter Tiefe kreuz und quer getrieben und mit Hunderten von Zentnern Spreng⸗ stoff gefüllt worden, um die Stolleneingänge zu sprengen. Lagerbefehl: Morgen rückt kein Kommando aus! Die Nachtschicht, die ausgerückt war, kommt wieder zurück. Die SS fängt fieberhaft an, ihre Sachen zu packen. In aller Eile werden Kessel abmontiert und auf Schiffen der Donau ver⸗ laden. Im ganzen Lager herrscht große Unruhe. Die SS hat Doppelposten auf ihren Türmen und in ihren Erdlöchern ringsum bezogen, auch sonst sind überall Sicherungen gegen uns getroffen.

Lagerbefehl 2: Alle Häftlinge haben sich zum Abmarsch bereitzuhalten. Jeder nimmt eine Decke, eine Schüssel und einen Löffel mit! Immer zu zweitausend Mann müssen wir antreten.

Die erste Kolonne hat dreitausend Mann; die marschieren zur Donau und werden dort auf ein Schiff verladen. Von weitem hören wir starke Detona⸗ tionen aus der Richtung des Schachtbaues. Sie haben die Stollen zu⸗ gesprengt. Nun marschiert Kolonne um Kolonne zum Bahnhof. Die Güter⸗ züge, die uns aufnehmen sollen, stehen schon bereit. Wir werden sehr scharf bewacht hier ist ein Entrinnen unmöglich. Werden uns unsere Befreier

eee Walter Sammet, Meißen. 20