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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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schlägt der Capo wahllos auf mere Köpfe ein, daß uns das Blut über Gesicht und Rücken läuft. Nichts hatten wir getan das Licht war aus.

Für sie war es Sport, für uns war es der Tod

Wir haben gestanden und gewartet, daß wieder Licht wird. damit wir sehen, was wir machen, und uns nicht gegenseitig mit den Piken erschlagen. Das Förderband, das immer voll sein muß und nie ruhig steht, hat uns verraten und wird uns wieder verraten. Es waren freie Stellen auf dem durch den ganzen Stollen laufenden Band. Der Steiger hat es gesehen und es dem Capo gesagt. Sie hatten dann, genau den Stollen kennend, sich an uns heran⸗ geschlichen.

So geht es mit gleicher Wiederholung die ganze Nacht. Gegessen hatten wir gestern nachmittag 4 Uhr ein Stück Brot jetzt ist es 3 Uhr nachts. Ich war schon einmal während der Arbeit vor Hunger und Müdigkeit hingefallen, ohne daß ich es gemerkt hatte, daß ich am Boden lag. Nur meinem Kameraden habe ich es zu verdanken, daß ich diese Nacht über⸗ lebte dadurch, daß er mich mit dem Fuße kräftig anstieß und mich anschrie: Du bist wohl verrückt geworden? Bist soviele Jahre im Lager, und jetzt willst du dich die letzten paar Tage noch von diesen Mördern erschlagen lassen! Wir waren gute Kameraden Richard Teichgräber und ich. Er lebt heute nicht mehr, war Sozialdemokrat und über 60 Jahre alt. Ist mit mir in Buchenwald. Lublin, Auschwitz und Mauthausen gewesen, hat alles über⸗ standen der Moloch Melk hat ihn gefressen.

Das Band steht was ist los? Schichtwechsel. Endlich. Langsam schlei⸗ chen wir dem Ausgang zu, schnell können wir nicht gehen, sind schon zu schwach.

Draußen wird angetreten auf demselben Platz, auf dem gestern die Tages⸗ schicht stand. Stollen A. B. C und D stehen schon. Endlich kommt E. Fünf⸗, sechsmal wird durchgezählt. Stimmt. Wir atmen auf. Nummern werden aufgerufen. SS und der Obercapo stehen schon im Kreis und erwarten ihre Opfer.Na, komm, komm, bück dich Hosen runter! Und es klatscht, daß man es über den ganzen Platz hört. Nummer 96764 wimmert nur leise, das Blut rinnt ihm am Hintern runter bis in die Schuhe. Zweie bringen einen Dritten, er kann sich nicht aufrecht halten.Bücken!Capo, Capo, ich war nur austreten.... Ein SS⸗Mann haut ihm mit der Faust ins Gesicht, daß er zusammenfällt. Aus Mund und Nase quillt ihm das Blut er kommt nicht wieder hoch Er war ja schon Muselmann. Er geht bestimmt ein.

Es wurden noch fünf Mann durchgepeitscht. Das Ergebnis ist immer das⸗ selbe. Noch über eine Stunde stehen wir, endlich geht's los. Unsere Wach⸗ mannschaft läßt ihren Groll, daß sie die ganze Nacht Posten stehen mußte, an uns aus. Die Zerschlagenen und Toten mehren sich zusehends.

Wir marschieren zur Rampe. Wieder stehen wir hier in eisiger Kälte, in Sturm und Schneegestöber über zwei Stunden. Die Füße sind seit dem Ab⸗ marsch aus Mauthausen noch nicht ein einziges Mal trocken geworden. Die Strümpfe sind verfault. Es ist so kalt. Wir dürfen nicht tapsen. Uns stehen vor Schmerzen die Tränen in den Augen. Der Zug kommt. Wieder stehen wir eingepreßt, Mann an Mann, unbeweglich im Waggon. Die Hosen, die bis jetzt steif gefroren waren, tauen auf. Wir stinken fürchterlich. Die Läuse fangen an, sich überall zu bewegen; kratzen kann man nicht, wir stehen dazu

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