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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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wurden wir zusammengepfercht, so daß wir Brust an Rücken gepreßt standen. obne daß wir uns rühren konnten. Starb einer während der Fabrt, so blieb die Leiche aufrecht steben, weil zum Umfallen kein Platz war.

Wir fubren, bis der Zug bielt. Die Türen wurden aufgerissen.Alles

raus antreten! Von bier aus sahen wir schon die Arbeitsstelle, von

Hunderten von Lampen erleuchtet den Schacht!

Schindereien unter der Erde

Obwobl wir erst einen Tag im Lager Melk waren, batten wir schon viel von diesem Mörderschacht gehört.

Wieder wurden wir durchgezählt, das rtemal schon an diesem Tage, dann setzte sich die Kolonne in Bewegung. Über große Sandhalden marschierten wir vor uns. über das ganze Gelände gespannt. große Tarnungsnetze aus Blech und Grünzeug gegen Fliegersicht. Über Bahngleise. Eisenbahnschwellen. Baumaterial geht's immer eingehakt wehe, wer den Nebenmann los⸗ läßt! Bald schwebt er über dir, weil er über einen Holzhaufen klettern muß: er zerrt deinen Arm nach oben, er reißt ihn dir bald aus der Achsel, aber er hält fest, krampfhaft, als wäre einer an den anderen geschmiedet; eine lebende Kette, das ist die Kolonne, wie sie sich so durch alle Hindernisse hindurch⸗ windet, wie sie sich über alle hinwegschlängelt ein Wurm aus Menschen⸗ gliedern zusammengesetzt, so kriecht sie bis vor die Schachteingänge.Halt! Von neuem wird Aufstellung genommen, von neuem die verquollenen Reihen ausgerichtet, von neuem gezählt. Ein schriller Klingelton zerreißt die Luft: Schichtwechsel!

Vor uns gähnen, sechs nebeneinander, die Schachteingänge 4 bis F. Riesige Tunnel. Aus ihnen kommt jetzt die Tagschicht herausgequollen, lange dunkle Kolonnen. Vorn in den ersten Reihen sind alle schwer beladen. Immer zu viert schleppen sie Tragen, auf denen Tote liegen In der Kolonne werden welche mitgeschleppt, die sich nicht mehr allein fortbewegen können Kranke, bei der Arbeit Verletzte oder von der SS, von den Capos oder Steigern halbtot Geschlagene viele haben zerschlagene Köpfe, schwarz ver⸗ guollene Augen Striemen laufen über die Gesichter die ganze Kolonne macht den Eindruck, als sei sie ein großer Begräbniszug.

Auf der Sandhalde macht die Kolonne halt, wird mehrere Male durch⸗ gezählt. Plötzlich werden Nummern aufgerufen. Zögernd sie wissen, was ihnen bevorsteht treten die Aufgerufenen heraus. Auf einen Wink bückt sich der erste. und nun schlägt weitausholend der Obercapo mit einem daumendicken Kabel auf den einen; schon beim sechsten Schlag bricht der Arme, der keinen Laut von sich gegeben hat, zusammen. Da tritt der Ober⸗ capo auf ihn ein, schlägt ihn mit dem Kabel über den Kopf noch immer steht er nicht auf da reißt er ihn hoch, ein anderer Capo springt hinzu, preßt den Kopf des Häftlings zwischen seine Beine, und so festgehalten, kann er die ihm zugedachten 25 Schläge aufgezählt bekommen. Als der Capo ihn losläßt, sackt er zusammen, keine Schläge belfen mehr; er steht nicht mehr auf.

Et wird zu einem anderen auf eine der Tragen geworfen: der nächste ist dran. Der brüllt schon bei den ersten Schlägen so auf, daß es uns allen, die wir zuseben müssen, eiskalt den Rücken herunterläuft. Ibm ergebt es so wie

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