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Tatsachen klagen an! : Berichte der Überlebenden / hrsg. vom Rat der Stadt Dresden, Soziale Fürsorge, Kommunale Hilfsstelle: Opfer des Faschismus
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Vorerst wurden Baracken erstellt, die für fünfzigtausend Personen Unter⸗

kunft bieten sollten. Bald vegetierten aber über hunderttausend Gefangene in der Barackenstadt, die an ihrem eigenen Gefängnis bauten und, wenn man glaubte, nun sei es endlich genug, es weiter und immer weiter ver⸗ größern mußten. Bald war von einem Lager im üblichen Sinne nicht mehr zu sprechen, es wuchs eine Barackenstadt in die Höhe, in der ganze Völker⸗ schaften den baldigen Tod finden sollten.

Wir mußten in größter Hast Bunker errichten, die für die Vergiftung mit Gas gedacht waren, Verbrennungsanlagen, sogenannte Krematorien, die täglich bis zu zweitausend Leichen in einem Ofen verbrennen konnten. Es wurde hier richtiggehend fachmännisch vonKapazität,Aufnahmeleistung, vonArbeitsanfall usw. gesprochen.

In dem Büro der Bauleitung wurden von SS⸗Führern Kalkulationen angestellt, sorgfältige Berechnungen durchgeführt, wie am schnellsten und sichersten an einem einzigen Tage zehntausend Verbrennungen ohne Stockung vorgenommen werden könnten.

Wir Gefangene. die wir Einblick in diese Dinge hatten. die wir sahen, welch teuflisches Verbrechen hier an der Menschheit begangen werden sollte, waren außer uns vor Entsetzen. Das war ja fabrikmäßiger Mord.

Uns wurde von der Lagerleitung eröffnet, daß uns beim geringsten Widerstand, bei offensichtlicher Sabotage oder Arbeitsverweigerung der Tod bevorstand.Aber ein Tod so schloß der Lagerkommandant seine Er⸗ mahnung,so grausam, wie ihn vorher noch kein Mensch gestorben ist!

Was blieb uns also übrig, wenn auch mit knirschenden Zähnen und flammender Empörung im Herzen, diese Befehle auszuführen. Beim Bau selbst herrschten chaotische Zustände. Täglich wurden neue Planungen er⸗ dacht und wieder verworfen. Ständig kamen neue und anders lautende Weisungen aus Berlin, vom Quartier des Reichsführers SS usw. um am nächsten Tag bereits widerrufen zu werden. Eine einheitliche Lenkung fehlte,

jeder baute gerade an dem. wozu er Lust hatte. Doch wuchs trotz aller die⸗

ser Schwierigkeiten das Lager von Tag zu Tag.

Es wurden herangeschleppt tausende Juden und Griechen, zwanzig⸗ tausend Gefangene aus der Tschechoslowakei, Polinnen aus Warschau. Ukrainer, Italiener, Holländer, Franzosen, Belgier, Serben und Kroaten. Ja, sogar Chinesen, Schweizer, freie Bürger und Vertreter anderer Nationalitäten sah ich in dem Lager, die alle auf ihren Tod warteten.

Ich gehörte mit zum Stammpersonal des Lagers und wurde zum Bau der Krematorien, der Verbrennungsöfen, eingesetzt. Ehe ich diese Anlage schildere, zuvor ein Wort über die Vergiftungskammern.

Es waren riesige, in quadratischer Form erbaute, zum Teil überirdisch. zum Teil unterirdisch angelegte Betonkammern. zwei Meter boch, etwa