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Meines Vaters Haus : ein Dokument / Artur Joseph
Entstehung
Seite
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Endlich saß ich im Zug, fuhr ab, verließ Köln. In Berlin fand ich die Schwiegereltern, wohnte abwechselnd bei ihnen und anderen Verwandten. Aber welch ein Zustand: die Angst, auf die Straßen zu gehen, die Gerüchte, die überall um- herschwirrten, und das Erschrecken bei jedem Anschlag der Hausklingel, das ängstliche Abhören des Rundfunks wehr- lose Erwartung des ungeheuersten Entsetzens! Eine Welt war in mir zusammengestürzt. In Deutschland wurden Menschen gejagt und Gotteshäuser verbrannt und Friedhöfe geschändet! In Deutschland... im Vaterland- es war verloren für immer!

Für immer? fragte ich mich jetzt wieder, als ich am Grab des Vaters stand. Was war mir geblieben? Gräber, nichts als Gräber. Das in Köln und das der Mutter in Theresienstadt und das des Bruders irgendwo in Polen und die der ande- ren Verwandten in den Gaskammern oder verstreut in der Welt.

Die Heimat ist noch da- der Boden, die Städte, die Wälder und der Strom. Ich grüße sie und sie grüßt mich. Eine Rauch- wolke liegt auf ihr. Viele Brücken führen zum anderen Ufer. Aber da ist die Rauchwolke, die den Weg verfinstert. Ich liebe die alte Vaterstadt: im Erwachen des Morgens denke ich an den Dom, an die Stadt am Rhein, an alles, was einmal war. Oft wandere ich durch ihre Straßen, und sie tut mir gut: Meine Heimat. Ich spüre sie noch durch die Rauchwolke hin-

durch.