wehrleitern die ganze Front mit riesigen Hakenkreuzfahnen und grünen Girlanden zu dekorieren im Begriff seien, und fragte erregt, ob sie dieses Treiben denn dulden solle. Natür- lich beruhigte ich sie, und am nächsten Morgen fand ich in der Tat unser«jüdisches Geschäft hinter einer Wand aus Ban- nern der«Bewegung» verschwunden! Was immer die Nazis selbst dabei dachten, der Vorfall hatte sich alsbald herumge- sprochen, der Passantenverkehr in der Schildergasse war leb- hafter denn je, und fast alle blickten lächelnd herüber. Und mancher gute Freund, jüdisch oder arisch, gratulierte mir tele- fonisch zu der«äußerst gelungenen Schaufensterdekoration).
Dieser Tante Mathilde darf ich mit Ehrfurcht gedenken. Sie war die jüngste Tochter der Großmutter, eine kleine, verwachsene Person, wohnte stets mit ihr zusammen und um- sorgte sie mit selbstloser Liebe. Tagüber im Geschäft tätig, war sie oben immer noch das Kind.«Wenn nur Mathilde da ist, kann ich beruhigt abwesend sein», hat mir einmal der Vater gesagt.«Sie versteht nicht viel vom Disponieren, aber sie sorgt für Ordnung, und das ist die Hauptsache.» Übrigens verstand sie genauso viel vom Umgang mit Menschen und war eine beliebte Verkäuferin, von der die Kunden sich gern beraten ließen. Solange sie es vermochte, kam sie jeden Morgen mit den Schlüsseln herunter, um das Hauptportal zu öffnen, und schloß es ebenso eigenhändig am Abend.
Das besondere Vertrauensverhältnis, das uns verband, hat wohl schon in meiner frühesten Jugendzeit begonnen; ich war, wie sie mir oft sagte, ihr Lieblingsneffe, und ich bemühte mich, es immer zu bleiben. Mit eindringlicher Deutlichkeit erinnere ich mich, wie ich im Alter von zwei Jahren einmal mehrere Wochen bei der Großmutter wohnte und dabei an Masern erkrankte: damals saß Mathilde nachts mit ihrem gebeugten Rücken an meinem Bett, gab mir heiße Milch zu trinken und sang mıch in den Schlaf. Und später dann, in ihrem Ruhestand, rief sie, dem Geschäft ihr ganzes Interesse bewahrend, mich oft telefonisch zu sich, um«Wichtiges zu be- sprechen» und zu berichten, was sie etwa in den Fenstern der Konkurrenz beobachtet hatte oder bei uns für«nicht auf der
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