erschreckend niedriges Niveau aufwiesen- nein, sie schienen das ganze deutsche Volk zu sich hinabzuziehen. Auf der Straße schauten manch alte Freunde in anderer Richtung, und man- chen Morgen fanden wir die Schaufenster beschmiert, mit Zetteln beklebt oder mit einem großen«J» in roter Farbe be- malt— ohne daß ich es hätte wagen können, die Polizei zu verständigen, die dafür gewiß nur ein Achselzucken gehabt hätte. Ich mußte schon die Nerven behalten, wenn mir berich- tet wurde, Passanten hätten sich vor den Schaufenstern dar- über entrüstet, daß es noch jüdische Geschäfte gäbe. Ich selbst habe es erlebt, daß ein alter Mann mit weißem Spitzbart seiner Frau zurief:«Das ist ja ein Judenladen!» und mit ihr verschwand.
Daß man Jude war, bedeutete, daß man am Pranger stand. Und diesmal blieb nicht der Trost, es sei eben der Pöbel oder eine Partei der Angreifer- die Regierung griff an, zu jeder Stunde und mit allen Mitteln. Anstatt Menschen eigenen Glaubens zu sein, waren wir plötzlich allesamt Spitzbuben und Verbrecher, sexuell Pervertierte, Ritualmörder und Para- siten. Das Weltbild des«Stürmers», eines antisemitischen Hetzblatts von nahezu einer halben Million Auflage, gewann mit einem Mal offiziellen Charakter, so wie die in Hitlers «Mein Kampf), aneinandergereihten Vorstellungen nun zur Staatsidee wurden. Um sie zu kennzeichnen, dürfte beinah- beinah- das Gesetz vom 15. September 1935 genügen, das Nichtariern die Beschäftigung arischen, weiblichen Hausperso- nals unter 45 Jahren(!) verbot.
Anonyme Briefe unflätigen Tons trafen mich ebenso wie iene Anrufe, die in einem gehässigen«(Judenbengel!» und dem Klick des Einhängers bestanden- vorsätzliche Beleidigungen durch ungreifbare Gegner. Im Geschäft gab es einzelne Mit- arbeiter, die sich ihnen anschlossen. An Personalversammlun- lungen der deutschen Arbeitsfront durfte der jüdische Be- triebsführer nicht teilnehmen, und dieBeamten der Deutschen Arbeitsfront, die zu Inspektionen kamen, lehnten Bespre-
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