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Widerstandsliteratur : ein Querschnitt durch die Literatur über die Verfolgungen und den Widerstand im Dritten Reich / von Franz Ahrens
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Sprache haben finden können. Sicher allerdings auch daran, daß die Men- schen nach dem Zusammenbruch ganz anders als erwartet reagierten. Sie öffneten nicht die Augen als ihnen endlich die Binde abgenommen wurde; sie_ verschlossen sie. Dabei wäre es nicht nur dem Ausland gegenüber, das durch die Angriffskriege schwer gelitten hat, sondern dem Gesundungsprozeß des eigenen Volkes gegenüber ein so ungeheuer wertvolles Mittel, jetzt noch nachher die Bereitschaft zur Aufnahme und Erkenntnis der Ideen der Mensch- lichkeit, um die 12 Jahre lang von einer Minderheit des deutschen Volkes gerungen wurde, zu erkennen zu geben. y

Vor uns liegt eine Unmasse von Literatur über den Widerstand. Hierunter ist zu verstehen sowohl die Literatur über die Konzentrationslager, d.h. also über die Leidenszeit der Verfolgten als auch die Bücher, die nur den eigent- lichen Widerstandskämpf schildern. Kampf und Opfer beide sind nicht zu trennen. Aber. am Anfang war der Widerstand, den zu unterdrücken ein ungeheurer Machtapparat des Terrors in Gang gesetzt wurde. Sicher ent- spann sich daraus eine Wechselwirkung, daß durch das System des Terrors Menschen ergriffen wurden, die niemals an Widerstand zuvor gedacht hatten, nun aber durch die Verletzung ihrer ureigensten Menschenrechte zum Wider- stand gebracht wurden.

Welche Arten der Literatur können wir unterscheiden®

Da ist zunächst die persönlich gehaltene Berichterstattung, die das individuelle Erleben zu schildern versucht. Da sind weiterhin Berichte, die den Charakter von Dokumentarberichten haben, oftmals in ihrem Wert erhöht durch offizielle Schriftstücke und Bilder. Und erst im weiteren Abstand, Abstand in geistiger, räumlicher und zeitlicher Beziehung, wird der Versuch einer dichterischen Gestaltung unternommen.: Sie alle haben ihren Wert:

Eines vermögen sie alle, Aufklärung unter der Bevölkerung zu schaffen. Auf- klärung über die Personen, die die Menschenrechte mißachteten, Aufklärung auch über die, die um der Menschlichkeit willen sich opferten.

Ein Teil dieser Schriften hat seinen Wert als Erinnerungsbücher und als ewig neue Kraftquelle für jene leidgezeichneten Opfer, die ihr Schicksal darin, widergespiegelt finden.

In der Gegenwart sind aber noch andere Forderungen an den Wert dieser Bücher zu stellen. Jene, die berufen sind, die Untaten zu richten, vermögen sich nicht immer in die Lage der Geschändefen hineinzuversetzen, da sie nicht aus eigener Anschauung mit dem Prügel Bekanntschaft gemacht haben. Ihnen einen Überblick, einen Quell zur Gewinnung eines Urteils zu geben, erscheint dringend erforderlich.

Aber auch jenen, die mit der Erziehung der heutigen Jugend beauftragt sind, soll ein Kraftquell gezeigt werden, woraus sie für die Entwicklung eines - wahren Menschentums, für die Bildung und Vermittlung eines neuen Geschichts- bildes der ungeteilten, kämpferischen Humanität schöpfen können. Eines Ge- schichtsbildes, das die Menschen nicht nach den durchgeführten Kriegen mißt. sondern nach den Taten schöpferischer Humanität. Ist es nicht bezeichnend für die Mentalität des deutschen Volkes, daß unter den Standbildern, die im preußischen Berlin den toten Herrschern errichtet wurden, nur ein einziges nicht mit dem Zusatz:der starke,der mächtige,der große u. ü. versehen ist, weil dieser Herrscher der einzige war, in dessen Regierungszeit kein Krieg geführt wurde® Ausgerechnet ihn nennt manOtto, den Faulen!

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