mehr gelüftet werden und um 8 Uhr streckten sich die neun Manns-
bilder auf ihrem Lager.aus. An den Gestank gewöhnte sich die Nase allmählich, den roch man fast nicht mehr, aber die Hitze war kaum zu ertragen.
Unter den sechs Männern befanden sich zwei Bibelforscher, die etwas wunderlich und verschroben, dabei ziemlich naiv, aber sonst wohlwollend und gleichbleibend sanft und freundlich schienen. Wäre ich länger geblie- ben, so hätte ich mit ihnen wohl bald einigen Kontakt gefunden. Die an- deren waren primitive Burschen und bewegten sich auf einer rein vegetati- ven Ebene. Sie kamen müde heim, aßen rasch und gierig und legten sich gleich danach schlafen; es ergab sich kaum Gelegenheit, mehr als das Nötigste zu sprechen. Früh um 6 Uhr wurden sie bereits zur Arbeit geholt. Tagsüber blieb ich mit Kameraden Meinzel und dem jungen Russen ällein.
Am übernächsten Tag wurde Meinzel nachmittags halb 2 Uhr entlassen; es war für mich ein schmerzlicher Abschied, doch konnte ich ihn wenigstens bitten, meine Angehörigen zu verständigen und ihnen meine Wünsche bezüglich Wäsche und Toilettegegenständen zu über- mitteln. An seinerstatt wurde ein Rechtsanwalt in mittleren Jahren eingeliefert. Doch kam es nur zu einer oberflächlichen Begrüßung, denn kurz darauf öffnete sich die Tür zum zweiten Male. Ein Wärter brüllte:„sofort einpacken, Kriß kommt weg.“ Ein eisiger Schrecken rann mir durch die Glieder; denn jeder Gefangene scheut die Ver- änderung, da er meistens etwas Schlechteres eintauscht. Auch hat der Weg ins Ungewisse etwas ungeheuer Erregendes an sich.
Diesmal allerdings gereichte mir die Veränderung zum Heil. Ein Auto führte mich durch die ganze Stadt München, über die Isar hinüber und blieb vor dem Untersuchungsgefängnis Neudeck in der Au stehen._ Dort wurde ich abgesetzt und ein kleiner dicker, gemütlich aussehen-
der-Türhüter, den ich später als Oberwachtmeister Hennemann und
typischen altbayrischen Gefängniswärter schätzen lernte, nahm mich in
seine Obhut.
Ich spürte sofort die völlig andere Luft, die hier wehte; man wurde
mit sachlichen Augen und nicht mehr als persönlicher Feind betrachtet._
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