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Diese Schwankungen in der Bewohnerzahl und vor allem das Vorhandensein nicht seßhafter Elemente trug zweifellos auch nicht zur Hebung der öffentlichen Ordnung und Sicher- heit bei, um so mehr, als die städtische Polizei in einer ebenso traurigen Verfassung war wie alles andere. Die Polizeidiener, die ein klägliches Gehalt bezogen— 1794 waren es derer zwei, die jährlich jeder 50 fl. 24 kr. an Geld, 4 Achtel Korn und alle drei Jahre eine komplette Montur erhieltenis)—, waren auf Nebenverdienste angewiesen, für Bestechungen äußerst zugänglich und versahen ihr Amt schlecht.
Im kirchlichen Leben trat mit dem Heranrücken der Fran- zosen im Jahre 1706 keine wesentliche Veränderung ein. Der evangelisch-lutherische Gottesdienst wurde nach vorübergehen- derStockungwieder aufgenommen und regelmäßig abgehalten¹), — jedenfalls unter Beibehaltung der bereits 1776 eingeführten französischen Art mit einem besonderen französischen Gesang- buch²o). Die junge katholische Gemeinde, die überhaupt erst 1791 durch Ludwig X. Anerkennung fandi), spielte keine Rolle.
Die Juden wurden nur gegen eine jährlich zu zahlende Ab- gabe geduldet und standen gesetzlich unter den städtischen Beamten, rituell unter dem Oberrabbiner zu Friedberg-²).
Den gesellschaftlichen Verkehr scheint die französische Einquartierung sogar gehoben zu haben, denn das Wochen- blatt, sowie Privataufzeichnungen weisen des öfteren auf Ver- anstaltungen geselliger Natur, Konzerte und Bälle hin. Auch im Winter 1796/07, wo Gießen von den Franzosen frei war, schwanden die gegebenen Anregungen nicht, wie Buchner berichtets³).
Wichtiger als diese gewiß bemerkenswerten Einzelheiten ist jedoch die Frage, in welcher ökonomischen Lage sich Gießen befand, wie es mit der Lebensmittelversorgung und den Preisen bestellt war. In jedem Krieg, gleichgültig ob er nur das Land, nur die Bewohner, oder beide zusammen betraf, war, wie auch heute, dieser Umstand von größter Bedeutung. Eine Stadt, deren Einwohner keine oder nur geringe Einschränkungen in der Verpflegungsfrage zu ertragen hat, wo außerdem durch
¹8) Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 60.
19) Pfarrbuch der Stadtkirche Gießen, 1706.
2⁰) Wochenbl. 1775, S. 401; Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 93.
21) H. u. St. A. D.; vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 91.
2²2) Wochenbl. 1765, S. 301; vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 93. 23) s. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 78/70.


