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„Gießen ist ein elendes Nest, worin auch nicht eine schöne Straße, beinahe kein einzig schönes Gebäude hervor- ragt, wenn man das Zeughaus und das Universitätsgebäude ausnimmt. Es führt den Namen einer Festung, die aber unter allen Festungen, welche ich je gesehen habe, die elendeste ist. Zudem wird sie von einem Berge kommandiert, von woher man sie recht gut beschießen kann. Es steht ein Regiment Soldaten darin, das aber gar nicht stark ist, und nur, wenn ich nicht sehr irre, sechs Kompagnien zählt. Das Regiment ist das darmstädtische Kreisregiment und muß zu der Reichs- armee stoßen, wenn dieses Heldencorps zu Felde zieht.“
Ahnlich lauten auch die sonst noch vorhandenen Berichte. Selbst das Gießener Wochenblatt 1770 schreibt):
„.... die Gassen sind schmutzig und verfahren, die Häuser klein und häßlich, überall sind Scheunen, Ställe und offene Misthaufen zu finden. Die Umgegend ist versumpft, die Wälder verwüstet, die Felder und Gärten in schlechtestem Zustand, der Gottesacker eine Wüstenei und von beinahe undurchdringlichem Unkraut bedeckt. Ist es ein Wunder, daß Fremde sich da nicht aufhalten wollen und daß Gießen auswärts als ungesund verrufen ists)?““
Wie müssen die Zustände gewesen sein, wenn das eigne Organ sich zu solch harter Kritik herbeiläßt!—
Ein ebenso wunder Punkt Gießens war die Wasserversor- gung. Quellwasser war innerhalb der Mauern nicht vorhanden. Das trinkbare Wasser mußte aus besonderen, außerhalb ge— legenen Brunnen geholt werden, was natürlich die größten Nachteile für die Stadt auf sich hatte.²) In erster Linie galt dies für die etwaige Belagerung der Festung, die mit Trinkwasser in diesem Falle auf nicht allzu lange Zeit versorgt war. Das in der Stadt vorhandene Brunnen-Standwasser war wohl zum Feuerlöschen oder sonstigen Zwecken zu gebrauchen, nicht aber zum Genuß ¹⁰).
Die Beleuchtung war ebenfalls mangelhaft. So befiehlt eine Verordnung vom Jahre 1794 den Einwohnern,„bei nächt- lichen Gängen durch die Straßen der Stadt“ eine brennende Laterne mitzuführen).
*) G. Wbl. 1770, S. 87. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 6. s) Vgl. auch O. Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 4.
*) Vgl. Chastel, Th., Tagebuch, S. 31; Wochenbl. 1765, S. 283; O. M. u. W. G. S., Akten Gießen; Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 4.
1⁰) O. M. u. W. G. S., Akten Gießen; Wochenbl. 1765, S. 283.
11) O. M. u. W. G. S., Akten Gießen, Kl. M. 34.


