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Daß gerade ein Mann wie der übel berüchtigte Professor Bahrdt über den„Gießener Ton“ ein solches Urteil fällt, ist bei seiner freien, toleranten Gesinnung zwar nicht verwunder— lich, so doch immerhin ein wichtiger Punkt gegenüber späteren Schilderungen, die zum größten Teil Anstöße aller Art finden und geißeln¹). Auch der später in der Fürstl. Landes-Kriegs- Kommission von 1797 eine große Rolle spielende Professor der Staats- und Kameral-Wissenschaften A. Crome sieht Gießen durchaus nicht im rosigen Lichte, als er 1787 daselbst an-
langts): „Gießen ist Provinzialhauptstadt und liegt unter 26° 18, 58 östl. Länge von Ferro und 50 35/ 10 nördl. Breite an der Lahn. Die Lage des Ortes ist schief, da von 3 Seiten Anhöhen und nur nach der Westseite hin eine kurze Ebene.— 1787 bot die Stadt keinen angenehmen Eindruck. Von einem 40 Fuß hohen Wall umgeben und mit einem breiten sumpfigen Graben umringt, hatte dieselbe an ihren vier Toren lange und dicke Gewölbe, die mit großen Torflügeln, starken Zug- brücken und einigen Außenwerken versehen, der Stadt das Ansehen einer Festung(also nur Ansehen!!) gaben, welches sice in alten Zeiten auch war, wo man sie unter Wassen setzen konnte. 1787 zählte Gießen bei zum Teil engen Straßen nur gegen 800 Häuser, wovon einige zwar ziemlich ansehn- liche Gebäude, die meisten aber klein und schlecht gebaut waren. Hierzu kam noch ein elendes Pflaster und ein stinken- der Bach, welcher meist bedeckt mitten durch die Stadt zieht.“
Trotzdem Crome seine Biographie erst viel später nach der Franzosenzeit schrieb und man so annehmen müßte, daß er als Hauptfaktor bei der Beurteilung des damaligen Bildes in Betracht käme, darf man jedoch gerade seinen Ausführungen am wenigsten Glauben schenken, da sich erwiesen hat, daß, besonders bei der Wiedergabe der kriegerischen Ereignisse, dieselben häufig ungenau, oberflächlich sind oder gar mit den behördlichen Berichten im direkten Widerspruch stehen.— Laukhard, der 1775 als Student nach Gießen kam, weiß auch nichts Gutes über die Verfassung, in der sich die Stadt befand, zu sagené):
4) Vgl. G. Zimmermann, Cießen vor 100 Jahren, seine Hoch- schule und sein Zusammenhang mit der deutschen Nationalliteratur. Didaskalia 1880 Nr. 120.
5) Crome, A. Fr. Wilh.: Selbstbiographie, Stuttgart 1833, S. 152 und folgende. Vgl. auch: Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 5.
6) Laukhardt, Leben und Schicksale, Bd. I, S. 67. Vgl. auch Buchner, Gießen vor 100 Jahren, S. 6.


