Abschnitt J.
stadt und Festung Gießen. Außeres und inneres Bild.
Kapitel I. Die Stadt.
Zeugnisse über die Gestalt und inneren Zustände in Gießen zur Zeit des Einbruches der Franzosen im Jahre 1796 sind uns wenige überliefert, denn mit dem Augenblick, da die allgemeine Aufmerksamkeit auf größere Ereignisse gelenkt wurde, ver-— schwand naturgemäß das Interesse an Fragen, die die Ver-— besserung lokaler Verhältnisse, Veränderungen am Stadtbild u. a. m. betrafen. Die kriegerischen Ereignisse schoben sich in den Vordergrund, und nur hie und da finden sich in den Be- richten vereinzelte spärliche Angaben. Das will nun durchaus nicht heißen, daß man über die Gießener Verhältnisse und den Eindruck, den die Stadt bot, nicht unterrichtet ist, denn um so zahlreicher sind die Belege aus den 70er und 80er Jahren des 18. Jahrhunderts, die unbedenklich auch für die 90 er Jahre als ausschlaggebend angesehen werden können. Gießen als Festung hatte keine Möglichkeit zu großer Entwicklung, und die Lebens- bedingungen änderten erst die Kriegsverhältnisse. Bis dahin dürften sie in Gießen dieselben gewesen sein.
Zunächst berichtet das Privil. Zitt. Monatl. Tagebuch über Gießen):
„Gießen ist eine Stadt in Oberhessen, am Lahnfluß, in einer lustigen Gegend: 1 Meile von Wetzlar, 3 von Marpurg, 6 von Frankfurt a. M. Früher war es ein sumpfiges Dorf, 1325 aber hat ihr Otto der Landgraf Privilegien erteilt. Philipp der Großmütige hat Wall und Graben, Georg II. die Festung aus- gebaut. 4 Tore, Selzer- oder Frankfurter-Tor, das Neustädter-, Neuwäger- und Wall-Tor. Hauptkirche St. Pankratii mit Bibliothek in der Kapelle. Universität 1607 erbaut, Collegium
¹) Privil. Zittauisches, Topographisches, Biographisches, Histo- risches, Monatl. Tagebuch, Monat Dez. 1800. S. 180.


