———————————
gewiſſe Anzahl von Gebeten zu verrichten; war ſie nun im Tage daran verhindert, ſo ſchlief ſie nicht ein, bis ſie das Verſäumte nachgeholt hatte. Vor Putz und Kleiderpracht, denen eitle, gefallſüchtige und leichtſinnige Mädchen ſo großen Werth beilegen, hatte ſie einen wahren Abſcheu. Bei Ausgängen ord⸗ nete ſie ihren Schleier immer derart, daß man ſo wenig als möglich von ihrem Ange⸗ ſichte ſehen konnte; ſo werth war ihr ſchon damals die allen Jungfrauen nothwendige Tugend der Beſcheidenheit.
Je älter ſie wurde, deſto größer ward ihre Liebe zu Gott. Niemand vermag ihre heilige Wonne und glühende Andacht zu beſchreiben, als ſie zur heiligen Communion gehen durfte. Dieſer Liebe zu Gott entſprach ihre Liebe zum Nächſten, die von Tag zu Tag immer zunahm und worin ſpäter ihr ganzes Leben aufging. Was immer der Landgraf und ſeine Gemahlin, die ſie„Vater“ und„Mutter“ zu nennen pflegte, ihr an Geld zu ihrem Ver⸗ anügen ſchenkten, das gab ſie den Armen. Hatte ſie keinen Heller mehr und ſprach ein Nothleidender ſie um eine milde Gabe an, ſo hörte ſie mit Bitten nicht auf, bis man ihr Etwas ſchenkte, das ſie dann allſogleich den Hülfsbedürftigen reichte. Alle Ueber⸗ bleibſel, die ſie in den Speiſekammern und Küchen des Schloſſes finden konnte, ſammelte ſie ſorgfältig und theilte ſie unter die Armen aus. Von ihr auch kann man ſagen: Sie


