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Choralbuch für die evangelische Kirche im Großherzogthum Hessen
Entstehung
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mehrere Male vorzusingen und dann erst von der Gemeinde singen zu lassen. Dann wiederhole man die neu gelernte Melodie öfter, damit sie wirkliches Eigentum der Gemeinde werde. Die so in den Gemeindegebrauch eingeführten Melodieen sind in dem der Kirche gehörigen Choralbuche zu bemerken, damit beim Wechsel von Organisten und Geistlichen jeder folgende weiß, woran er anknüpfen kann.

Ebenso ist der Übergang zum rhythmischen Gesang einer Melodie, die seither gestreckt im Gebrauche war, nur nach derselben sorgfältigen Vorbereitung zu machen. Dann aber hat es auch, wenn sie einmal eingeführt ist, bei der rhythmischen Form sein Bewenden. Hierüber ist gleichfalls im Buche eine Bemerkung zu machen.

Bei der Einführung neuer Melodieen in den Gemeindegesang hüte man sich vor Überstürzung. Mehr als drei bis vier neue Weisen sollte man einer Gemeinde von der durchschnittlichen Größe unserer Landgemeinden im Jahre nicht zumuten. Ehe die eingeführten in den vollen Besitz der Gemeinde übergegangen sind, bringe man keine neuen. Man wähle für den Anfang einfache Rhythmen freudigen Charakters, um durch sie in der Gemeinde die Freude am frischen taktmäßigen Singen zu erwecken, z. B. ,, Lobe den Herren, o meine Seele", ,, Nun danket all und bringet Ehr, Unser Herrscher unser König", ,, Nun preiset alle" u. s. w. Melodieen mit sogenanntem rhythmischem Wechsel wie ,, Herzlich thut mich verlangen" werden die Gemeinden erst dann sich mit Erfolg aneignen können, wenn sie bereits mit den einfacheren rhythmischen Weisen vertraut worden sind. Sodann empfiehlt es sich, wo es angeht, neue Weisen zuerst in Nebengottes­diensten zu verwenden, dann erst, wenn man sie dort lieb gewonnen, im Hauptgottesdienſt.

3. Der Tonsatz der Choräle ist nicht für den vierstimmigen Chorgesang, sondern für die Orgel zur Begleitung und Leitung des Gemeindegesangs eingerichtet. Es wurde daher vor Allem auf wirksame Grundharmonieen, kräftige Bässe gesehen, und der Gebrauch von Durchgangstönen auf ein geringes Maß beschränkt. Taktstriche sind bei den Melodieen mit Synkopation oder nach neuerer Benennung mit ,, gemischtem Rhythmus" weggelassen worden, weil dieselben die Auf­faſsung dieser rhythmischen Eigentümlichkeit eher erschweren, als erleichtern. Bei der Ausführung ist streng auf Ein­haltung des Zeitwertes der einzelnen Noten zu achten. Der Takt muß nicht nur bei den einzelnen Zeitteilen, sondern auch beim Übergang von einer Zeile zur andern in ungehemmter Weise fortwirken. Es sind daher alle Fermaten unzulässig, außer am Schlusse einer Melodie, oder zuweilen am Ende des ersten sich wiederholenden Teils und in einzelnen, wenigen Fällen, wo ein etwas längeres Verweilen als ratsam erscheint. Der am Ende von Verszeilen eintretende Halt zum Atem­holen, die Cäsur, ist durch das Zeichen angedeutet. Wo die einzelnen Zeilen nicht durch Pausen getrennt sind, namentlich da, wo die eine Zeile mit dem letzten, unbetonten Viertel schließt und die folgende sogleich mit dem ersten

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